Im Rahmen der Schulaktionswochen „Wahrheit ist keine Meinung“ fand am Ganztagsgymnasium Osterburken (GTO) ein Vortrag mit Fragerunde für die Jahrgangsstufe 1 zum Thema „Desinformation-Fake News – Verschwörungsmythen: Themen – Umgang – Alltag“ statt.

Oberstudienrätin Claudia Glier und Oberstudienrat Jens Schwingel hatten die Veranstaltung an der Schule vorbereitet. Zusammen mit Oberstudienrat Oliver Schröder und in Zusammenarbeit mit „Herz statt Hetze Neckar-Odenwald-Kreis e.V.“ führten sie diese als digitales Format in drei Räumen des GTO durch. Franziska Hahn vom Kreismedienzentrum Neckar-Odenwald-Kreis Buchen Mosbach hatte das Angebot vermittelt, das durch den Deutschen Gewerkschaftsbund Baden-Württemberg unterstützt wurde. Die Angebote von Herz statt Hetze gehen, angesichts der Entwicklungen während der Corona-Pandemie den Fragen nach, warum Desinformationen solche Erfolge haben, warum man überhaupt an Verschwörungstheorien glaubt und wie man im Alltag damit umgeht.

Der Berliner Kommunikationswissenschaftler Steffen Göths konnte von Herz statt Hetze für den Vortrag als Referent gewonnen werden. In seinem rund dreißig minütigen Vortrag beantwortete Göths grundsätzliche Fragen zu Fakenews und vermittelte den aktuellen Kenntnisstand über das Wirken von Desinformation.

Verschwörungen und Verschwörungstheorien seien, so Göths, ein gesellschaftliches Grundprinzip und keineswegs ein Einzelfall. Verschwörungstheorien laufen anerkannten Erklärungen entgegen und arbeiten dabei ein angeblich bösartiges und geheimes Wirken von undefinierten Mächtigen heraus. Gegenbeweise und Widersprüche gelten dabei als Teil der Verschwörung. Daher sei mit Anhängern von Verschwörungstheorien kaum eine seriöse Diskussion möglich. Verschwörungserzählungen begännen ohne klares Datum und seien auch definitionsabhängig.

Nach Göths gibt es Verschwörungstheorien mindestens seit der Französischen Revolution. Stets werde die Geschichte angeblich bewusst nur von bestimmten Menschen gemacht. Dabei werden allerdings diverse und divergente Ursachen konsequent ausgeblendet.
Relevanz, der Gegenstand und die gesellschaftliche Akzeptanz von Verschwörungstheorien hätten sich immer wieder verändert, so Göths. Bis 1945 galten sie quasi als normale Erklärungen für Ereignisse, erst danach setzten sich wissenschaftliche Betrachtungsweisen durch. Der Philosoph Karl Popper bestreitet sogar die Relevanz von Verschwörungen, so Göths. Verschwörungen seien zwar existent, würden aber durch unkalkulierbare Nebeneffekte faktisch verunmöglicht. Auch Verschwörungstheorien könnten allgemein kaum durchdringen, da die Gesellschaft zu komplex und nicht mit einem Satz erklärbar sei. Dennoch sei der Glaube an Verschwörungstheorien quer durch die gesamte Gesellschaft und dabei insbesondere bei Opfern von Rassismus, Diskriminierung und Verfolgung präsent. Dabei erfassen unterschiedliche Verschwörungstheorien unterschiedliche Teile der Gesellschaft. Es gebe, so Göths, keine allgemein relevante Verschwörungstheorie. Wie bereits angedeutet, stünden bei dem Glauben an Verschwörungstheorien sozialpsychologische, kulturelle und sozio-politische Motive im Vordergrund. Der Grundgedanke, die Betroffenen seien paranoid, griffe deutlich zu kurz,stellte Göths fest. Als zentrale Motive stünden vielmehr die Angst vor Kontrollverlust, die Suche nach Mustern zu einer einfachen Welterklärung, der Wunsch nach Orientierung und Überlegenheit und Einzigartigkeit im Raum. Durch die dabei vorkommende Verknüpfung zusammenhangloser Ereignisse macht den Verschwörungstheoretiker zu einem vermeintlich einzigartigen Individuum, das die Verschwörung durchschaut und sich mit anderen „Wissenden“ zusammenschließen kann.

Zum Problem werden Verschwörungstheoretiker, da ihre Theorien Bedrohungsfantasien erzeugen und ihnen daher Abwehrhandlungen als notwendig erscheinen. Das können Morde, Morddrohungen und Brandanschläge sein, wie sie in jüngster Zeit festzustellen waren.
Um sich vor Fakenews und Verschwörungstheorien zu schützten, empfiehlt Göths, vorliegende Quellen stets zu überprüfen und mit anderen Quellen zu vergleichen. Man sollte man den Inhalt und die Herkunft der Quelle immer hinterfragen. Darüber hinaus sollte man Fakenews und falschen Quellen unter Verweis auf eigene Quellen widersprechen. Gerade in sozialen Netzwerken sollte man auch klar Position beziehen. Man überzeuge zwar einen Verschwörungstheoretiker nicht, zeige ihm aber so, dass es auch andere Positionen gibt, schloss Göths. Göths stellte sich nach seinen Ausführungen den Fragen der Schülerinnen und Schüler. Thematisiert wurde die Erkennbarkeit glaubwürdiger Quellen oder was man tun könne, wenn Freunde Fakenews präsentieren bzw. ins Lager der Verschwörungstheoretiker abgedriftet seien?

Göths, M.A. studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft in Berlin und Göteborg. Er ist seit 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Wissenschaftskommunikation / Wissenschaftsjournalismus des Instituts für Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Er promoviert dort und lehrt zu Verschwörungstheorien.

Sein Thema ist brandaktuell. In sozialen Netzwerken und auf digitalen Plattformen finden ein Nebeneinander und eine Vermischung von seriösen Inhalten mit ungesicherten Beiträgen statt. Eine Beurteilung des Wahrheitsgehaltes wird dadurch erschwert. Informations- und Meinungsbildungskompetenz können aber geübt werden. Schon vor Corona waren Halbwahrheiten, Falschinformationen und komplexe Verschwörungstheorien stark in den Medien präsent. So finden sich diverse Fakenews von der Leugnung des Klimawandels, über die Entstehung von Autismus durch Impfungen bis zum generellen Vorwurf, dass geheime Gruppen heimlich das Weltgeschehen steuern. Dabei hat man heute den leichtesten Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und Informationen.

Die Arbeitsgemeinschaft „Herz statt Hetze Neckar-Odenwald-Kreis“ entstand 2016. Sie setzt sich gegen Intoleranz, Gewalt, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie ein und arbeitet für Demokratie, Toleranz, Respekt, Weltoffenheit und Mitmenschlichkeit. Ihr Ziel ist es, die Demokratie zu stärken, die Gesellschaft für Demokratiefeindlichkeit zu sensibilisieren und sich mit entsprechenden Tendenzen öffentlich auseinanderzusetzen. Bürgerinnen und Bürger sollen zu einem aktiven Bekenntnis zur Demokratie ermuntert werden und menschenfeindlichen Weltanschauungen entschieden widersprechen. An den Schulen unterstützt Herz statt Hetze unter anderem Projekte wie „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“ beteiligt.
Unterstützt wird die Arbeit gegen Verschwörungstheorien durch diverse Angebote, darunter Lernmodule und Unterrichtsmaterialien (Arbeitsblätter und Stundenverläufe). Daneben gibt es Fluter, Quizangebote, Handy- und Onlinespiele, Interviews, Videos, Materialsammlungen am Landesmedienzentrum, die Präsentation von Beispielen seriöser Suchmaschinen, Projekte, Informationsangebote (Kampagne des Landes Baden-Württemberg), die Nummer gegen Kummer und Meldemöglichkeiten für einschlägige Seiten. Das Kultusministerium hat zudem ein Beratungsportal eingerichtet.

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