Forderung zu mehr Mut zu Erziehung zu Selbstständigkeit und mehr Vertrauen in die Erziehungsverantwortlichen

Zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger nutzten die Gelegenheit, um sich in den Räumen des Ganztagsgymnasiums Osterburken (GTO) zu rechtlichen Fragen hinsichtlich der Erziehung von Kindern und Jugendlichen auszutauschen. Die 3. Familienkonferenz seit 2015 unter dem Titel „Erziehungsberechtigt – was heißt das – wie gelingt das?“ im Rahmen der Reihe „Familien in besonderen Lebenssituationen“ wurde von einem Team, bestehend aus Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche, der Politik, den Kommunen und dem schulischen Förderverein des GTO, angedacht und organisiert. Zahlreiche Betroffene und Fachleute diskutierten kontrovers über die aktuelle Situation.

Kreisrätin Dr. Dorothee Schlegel eröffnete die Konferenz mit der Ermutigung, alle Beteiligten mögen „quer denken und sich vernetzen“, um an der Vertiefung der Erziehungspartnerschaft mitzuwirken. Im Begriff „Erziehungsberechtigte“ stehe auch der Begriff „Recht“, dessen Umfang und Bedeutung durch zuweilen kaum durchschaubare Kompetenzverschränkungen nicht immer zur Geltung komme.

Dekan Folkhard Krall aus Mosbach wünschte sich ebenfalls eine fortgesetzte Verständigung über Fragen der Erziehung im Austausch mit vielen Akteuren, gerade in Hinblick auf die zunehmende Dynamik infolge der Globalisierung. Die Veranstaltung sei ein Baustein in einer Kette, so Krall.

Der Osterburkener Bürgermeister Jürgen Galm unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung der jungen Generation für das Land. Familie und Erziehung seien ein Kernthema für Kommunen. Alle gesellschaftlichen Bereiche müssen die Voraussetzungen schaffen, damit Menschen Lust auf Kinder bekommen.

Die Schulleiterin des GTO, Regina Krudewig-Bartel, umriss in ihrer Begrüßung die Bedeutung der Schulen bei der Erziehung der Kinder. Gerade im verpflichtenden Ganztagesbetrieb waren und sind die Kinder sehr lange an der Schule. Die Schule stehe unter einer Herausforderung durch die Digitalisierung. Gerade die Entstehung digitaler Parallelwelten mit anonymisierten Beleidigungsexzessen und Mobbing mache auch vor der Schule nicht halt. Die Schulen müssen zudem auf die Veränderungen in der beruflichen Welt reagieren. Die Politik müsse auch künftig beträchtliche Ressourcen bereitstellen. Dies müsse aber uns unsere Zukunft wert sein, so Krudewig-Bartel abschließend.

Unter der Überschrift „Erziehungsberechtigung – und was sagt das Gesetz dazu?“ lieferte Birgit Wolf-Jungmann, Amtsrichterin in Mosbach, weitere wichtige Impulse. 1979 kam es, so Wolf-Jungmann, zu einem Paradigmenwechsel von einer Unterwerfung unter den Elternwillen hin zu einer partnerschaftlichen Erziehung. Grundlegend sei dabei das Verbot von entwürdigender Behandlung im Bürgerlichen Gesetzbuch. Nach dem Grundgesetz genießen die Eltern eine große Freiheit, so Wolf-Jungmann. Ein staatliches Eingriffsrecht gebe es daher nur im Falle von schwersten und konkreten Gefährdungen des kindlichen Wohls. Die Eingriffe müssen zudem dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen, zumal der Begriff „Kindeswohlgefährdung“ nicht konkret definiert sei. Der Staat dürfe dabei nicht von einem idealen Zustand ausgehen. Medialer Dauerkonsum durch Kinder sei so zum Beispiel kein Grund zur sofortigen Annahme einer Kindeswohlgefährdung. Wolf-Jungmann rief ihre Zuhörer zu einer früheren Kontaktaufnahme mit den Jugendämtern, Sozialbegleitern und Schulsozialarbeitern auf. Das datenschutzbedingte Verbot des Austauschs zwischen den beteiligten Institutionen erschwere die Reaktion auf schwierige Fälle deutlich. „Das Problem ist nicht leichter geworden“, so Wolf-Jungmann.

Nach einer kurzen Pause erfolgten dann drei Diskussionsrunden engagierte Diskussionen in Kleingruppen, auch unter dem Aspekt der Ganztagsschule. Einerseits stand immer wieder die Sorge vor zu schneller Stigmatisierung von Familien mit Problemen im Vordergrund. Gerade Erzieher müssten zunehmend, trotz im Grunde nicht vorhandener Ausbildung, Eltern beraten und Elternängste vor eigenem Versagen nehmen.

Zentrale Ergebnisse der Konferenz waren unter anderem der Appell zur Erziehung von Kindern zu Selbstständigkeit und ein Appell zum Mut zur Erziehung. Mehr Respekt vor und Vertrauen in die Erziehungsverantwortlichen und darüber hinaus eine Sensibilisierung gegenüber echten Problemen wurde von den Teilnehmern ebenso angemahnt.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine große Herausforderung. Daher müssen die Zivilgesellschaft, die Politik, die Kirchen und die Kommunen gemeinsam Antworten finden, wie für Familien, Eltern und Kinder im ländlichen Raum die bestmöglichen Voraussetzungen geschaffen werden können. Daher fand schon im Oktober 2015 die 1. Familienkonferenz in Limbach statt. Darunter waren zahlreiche Fachkräfte aus Politik, Kirche, Kommunen und Leistungsanbietern. Anfang Februar 2017 kam es am GTO zur 2. Familienkonferenz zum Thema „Verlässliche Erziehungspartnerschaften“. Das Ziel beider Veranstaltungen war eine bessere Zusammenarbeit von Eltern, Beiräten, Politik, Kindergarten- und Schulträgern.

Organisiert hat die jetzige Veranstaltung ein Arbeitskreis mit Dekan Johannes Balbach (Katholisches Dekanat Mosbach – Buchen), Dekan Folkhard Krall (Evangelisches Dekanat Mosbach), Dekan Rüdiger Krauth (Evangelischer Kirchenbezirk Adelsheim-Boxberg), der Bürgermeister von Seckach, Thomas Ludwig (Vorsitzender der Kreisversammlung der Bürgermeister des Neckar-Odenwald – Kreises), Kreisrätin Dr. Dorothee Schlegel (Mitglied des Vorstands des Landesverbands der Schulfördervereine), Iris Zilling und Kathrin Sebastian, (beide im Vorstand des Vereins der Freunde und Förderer des GTO).

Dr. Dorothee Schlegel bedankte sich bei der Schulgemeinschaft des GTO für die Gastfreundschaft und bei Iris Zilling und Kathrin Sebastian für die Organisation der Bewirtung, bei der auch Vertreter der Jahrgangsstufe 2 des GTO mitgewirkt hatten. Ein besonderer Dank ging zurück an Dorothee Schlegel für ihre Vorreiterrolle bei der Entwicklung dieser Veranstaltungen. Angedacht ist bereits eine 4. Familienkonferenz, um den angestoßenen Prozess weiter zu vertiefen.

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