Im Juli 2019 besuchten 65 Schülerinnen und Schüler der 9.Klassen des Ganztagesgymnasiums Osterburken zwei Orte, die an die Zeit des Dritten Reiches und die damals geschehenen Verbrechen der Nationalsozialisten erinnern: Die Gedenkstätte an das KZ-Außenlager in Neckarelz und das Konzentrationslager Struthof, das sogenannte Stammlager, bei Natzweiler in den Vogesen bei Straßburg.

Diese Exkursionen stehen in einem größeren didaktischen Zusammenhang. In Klassenstufe 9 wird der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime sowohl im Geschichtsunterricht (historischer Rahmen) als auch im Religionsunterricht behandelt. Damit die Schülerinnen und Schüler den Besuch der Gedenkstätten möglichst hilfreich für sich erleben und erschließen können, wurde zudem im Vorfeld ein Projekttag veranstaltet, in welchem Details zum Lagersystem im Allgemeinen und zu Natzweiler-Struthof im Besonderen, zu den medizinischen Versuchen, zum Alltag der Häftlinge, zur Täter- und Opferpsychologie und anderes mehr behandelt wurden. In mehreren Gruppen durchliefen die Schülerinnen und Schüler sechs Stationen.

Der erste Exkursionsteil am 10.Juli führte in die Gedenkstätte des ehemaliges Arbeitslagers Neckarelz. Das Lager des KZ Neckarelz war damals das Schulhaus der Grundschule Neckarelz. Dieses ab 1944- März 1945 als Außenlager von Struthof/Natzweiler geführt Arbeitslager diente dem einzigen Zwecke, die ursprünglich bei Berlin angesiedelte Flugzeugmotorenfabrik von Daimler-Benz in zwei Gipsstollen am Neckar auszulagern, wo die Produktion vor Fliegerangriffen der Alliierten sicher fortgeführt werden sollte.

In der ehrenamtlich errichteten und aufrechterhaltenen Gedenkstätte wurden die Schülerinnen und Schüler in einer lebendigen und museumspädagogisch ausgezeichneten Ausstellung über das Leben im Arbeitslager Neckarelz informiert und konnten Einblicke in zahlreiche Einzelschicksale und Alltagsgeschichten aus dem Lager erhalten

Anschließend stand die Besichtigung des Arbeitsgebiets der Häftlinge an. Auch wenn dieses heute nicht zugänglich ist, so lässt sich auf dem sogenannten „Goldfisch-Pfad“ erahnen, welche Dimensionen solch eine Fabrik unterhalb der Erde gehabt haben muss. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen konnten von allen Teilnehmern zumindest ansatzweise erahnt werden.

Wenngleich in Neckarelz kaum noch historische Orte/Gegenstände aus dieser Zeit sichtbar sind – was immer ein wenig zu „Enttäuschung“ bei den beteiligten Schülerinnen und Schülern führt: „Da sieht man ja gar nichts mehr…“ - so gewannen die Schülerinnen und Schüler hier den Eindruck, wie nahe diese Verbrechen an der eigenen Heimatgegend verübt wurden.

Der zweite Teil der Exkursion am darauffolgenden Tag stellt die Fahrt nach Struthof dar. Für einen Tagesausflug ist die Distanz außerordentlich lange, so dass je nach Verkehrslage die Hin- und noch mehr die Rückfahrt zu einer Geduldsprobe für alle Beteiligten wird.

Der Kontrast dieser malerischen Gegend, die vor 1941 den Straßburgern als Sommerfrische und zum Wintersport diente, zum dort verübten Grauen ist verwirrend und stimmte auch die Teilnehmer zunächst nachdenklich. Im Struthof wurden die Schülerinnen und Schüler in fünf Gruppen aufgeteilt, welche jeweils von einer Lehrkraft über das Lagergelände geführt werden. Diese Führung besteht wiederum aus drei Teilen: Besichtigung der Ausstellung mit Übersicht aller NS-Konzentrationslager (hierbei wurde die Verbindung zu Neckarelz deutlich), Rundgang durch das Lagergelände mit Besichtigung der Museumsbaracke, des Krematoriums und des Zellentraktes.

Der Rundgang durch das Lagergelände hatte bei vielen Teilnehmern augenscheinlich den größten Eindruck hinterlassen. Was es für den einzelnen Gefangenen bedeutete, in diesem unüberwindbaren Gefängnis unter diesen Bedingungen (über-)leben zu müssen, ist durch die Rekonstruktion gut zugänglich gemacht. Beim Betrachten der Wachtürme und der Lagerabgrenzung aus doppeltem Stacheldraht wurden die völlige Überwachung und die Aussichtslosigkeit von Flucht deutlich. Der Rundgang endete auf dem ehemaligen Appellplatz vor den Barracken, auf welchem noch heute der Galgen erhalten ist. Hier wurde der Gruppe erläutert, inwiefern die zum Erhängen verurteilten Gefangenen auf besonders grausame Weise vor den Augen ihrer zum Appell angetretenen Mithäftlinge erdrosselt wurden.

Die Besichtigung des Krematoriums mit Ofen und medizinischen Versuchsräumen ist nach dem Feedback der Schülerinnen und Schüler ein sehr eindrückliches Erlebnis gewesen.

Die Ausstellung in der Museumsbaracke brachte viele Hintergrundinformationen und Relikte aus dieser Zeit zum Vorschein. Leider waren die größtenteils nur auf Französisch abgedruckten Texte nicht für alle verständlich.

Eine große Hilfe sind die inzwischen auf dem Gelände aufgestellten Info-Tafeln mit zum Teil zeitgenössischen Photographien und Zeichnungen.

Die Besichtigung der Gas-Kammer bildete den Abschluss der Exkursion. Auch wenn diese Gaskammer nicht zur massenhaften Vernichtung genutzt wurde, ist das Betreten eines solchen Gebäudes von Scham und Schaudern begleitet und zeigt aufs Eindrücklichste die Unmenschlichkeit der verübten Verbrechen.

Mit diesem Konzept, das als Höhepunkt den Besuch im KZ Struthof/Natzweiler bildet, sollen die Schülerinnen und Schüler sensibel gemacht werden für die Geschichte, die wir als Deutsche mit uns tragen. Orte der Erinnerung spielen dabei eine ganz wichtige Rolle.

Dabei ist das Wissen über diese Lager in unmittelbarer Nähe in den meisten Fällen nicht einmal im Ansatz vorhanden, sodass wir auch hierin einen Bildungsauftrag sehen. Hier trifft Lokalgeschichte unmittelbar auf das Weltgeschehen im Zweiten Weltkrieg.

Wie lange funktioniert „Aus der Geschichte lernen“? Zehn Jahre, 25 Jahre, ein halbes Jahrhundert? Gerade in diesen Wochen und Monaten gewinnt man nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa den Eindruck: Gar nicht! Ob alle Aufklärung über den Nationalsozialismus überhaupt zu einer Immunisierung gegenüber den bösen Geistern der Vergangenheit führen kann? Verordnen lässt sich diese nicht. Es braucht dafür ein gedeihliches Klima: Neugier, überhaupt etwas wissen zu wollen, Nachdenklichkeit, die nicht sofort zur Tagesordnung übergeht, Erkenntnis, die das Gesehene und Gehörte zum Bestandteil des eigenen Lebenswissens macht, Mut und Standhaftigkeit, auch gegen den Strom zu schwimmen und sich einzusetzen für diejenigen, die heute von unserer Wegwerfgesellschaft aussortiert werden. Als Lehrerinnen und Lehrer versuchen wir mit diesem Projekt alljährlich dazu unseren Beitrag zu leisten.

 

Osterburken, 12.Juli 2019

Georg Dresdner

Weitere aktuelle Beiträge

Bitte beachten Sie unsere Datenschutzerklärung - klicken Sie dazu auf "Weitere Informationen". Durch die beiden anderen Schaltflächen lässt sich die Behandlung von Cookies einstellen: "OK" erlaubt die Nutzung von Cookies, "Ablehnen" verbietet sie.
Weitere Informationen Ok Ablehnen