Osterburken. Im Jubiläumsjahr 50 Jahre Ganztagsgymnasium Osterburken (GTO) wurden am Freitagabend in der festlich dekorierten „Baulandhalle“ 120 Abiturientinnen- und Abiturienten verabschiedet. Hervorragende musikalische Darbietungen umrahmten den Festakt, der von vielen Emotionen und Freude über das Erreichte geprägt war. Das GTO präsentierte sich als intakte Schulgemeinschaft. Ein großes Lob zollten die Stufensprecher der Schulleitung für die besondere Atmosphäre, die Toleranz und den offenen Umgang am GTO. Stufensprecherin und Schülersprecherin Franziska Mütsch sagte: „ Die Türe zum Schulleiter und zu den Lehrern stand immer offen. Schulleiter und Lehrer standen uns immer mit Rat- und Tat zur Seite. Das GTO war für uns wie ein familiäres Zuhause“.

Schulleiter, Oberstudiendirektor Willi Biemer, kritisierte in seiner Festrede Bundesbildungsministerin Johanna Wanke, die vor wenigen Wochen für ein neues Unterrichtsfach (Alltagswissen) zur Vorbereitung auf die Herausforderungen des Alltags plädierte. Das beste Abitur, Notendurchschnitt 1,0 wurde von Scheffelpreisträger Jan Knoll abgelegt. Abiturienten wurden mit Preisen und Auszeichnungen für sehr gute und besondere Leistungen ausgezeichnet. Den Festakt umrahmten musikalisch: GTO-Big-Band, unter der Leitung von Gernot Ludwig, Hannah Kopton (Gesang) und Theresa Belz (Klavier), Elke Autrata (Gesang) und Jens Schwingel (Klavier), sowie zum Abschluss der Abiturientenchor mit „Wunderbare Jahre“.

Nach seiner Begrüßung gratulierte Schulleiter Biemer den Abiturienten für das bestandene Abitur. „Ihr könnt stolz sein, den höchsten erreichbaren Schulabschluss in Deutschland erworben zu haben“. Eine Kölner Schülerin habe über „Twitter“ im Frühjahr dieses Jahres eine Bildungsdebatte in ganz Deutschland ausgelöst. Sie twitterte: „Ich bin fast 18 Jahre und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben“. Die dadurch ausgelöste Bildungsdebatte, so Biemer, kreise wieder einmal um die zentralen Fragen: Bereitet die Schule auf das Leben vor? Und was sollte überhaupt gelehrt werden? Seien so vermeintlich unnütze Fächer wie die Bildende Kunst oder die alten Sprachen, wie zum Beispiel Latein noch nötig, um den Sinn für die Ästhetik zu schärfen, werde die Allgemeinbildung überschätzt oder sollten die Schüler heute nicht eher in parktischen Dingen ausgebildet werden? Man sollte der Kölner Schülerin jedenfalls dankbar sein, denn die ewige Debatte der letzten Jahrzehnte um die beste Unterrichtsmethode erinnere schon lange an Bildhauer, die darüber streiten, welcher Meißel zur Bearbeitung der Steine wohl am besten geeignet wäre, resümierte Biemer. „Das eigentliche Werk, in unserem Fall die Bildung junger Menschen, wurde in der Vergangenheit durch viele rein methodisch oder organisatorische Reformen im Schulsystem fast aus den Augen verloren“, stellte Biemer fest. Natürlich seien didaktisch-methodische Überlegungen wichtig für einen guten Unterricht. Für eine umfassende Bildung seien aber die Inhalte entscheidend. Welche davon unerlässlich und welche entbehrlich seien, sei eine interessante gesellschaftliche Frage, die die Kölner Schülerin mit wenigen Worten angestoßen habe, erklärte Biemer, der danach Bundesbildungsministerin Wanka zitierte, die der „Bild am Sonntag“ folgendes sagte: „Das Fach Alltagswissen fände ich gut. Dort könnten die Schüler Dinge erlernen, die für ihr praktisches Leben wichtig sind, wie etwa Fallen in Handyverträgen, handwerkliche Fähigkeiten, aber auch Grundkenntnisse in richtiger Ernährung und Kochen“. Schulleiter Biemer erklärte hierzu, dass man dafür, ebenso wie für das Erlernen von bestimmten Verhaltensweisen wie Pünktlichkeit oder Höflichkeit, kein eigenes Schulfach benötige und es käme einer Entmündigung der Eltern gleich, wenn alle Dinge, die mit Erziehung zu tun haben, in die Schule verlagert würden. Erziehung sei zunächst einmal die zentrale Aufgabe von Eltern und Familie, so Biemer.

„Wenn wir also davon ausgehen, dass Bildung dazu beiträgt, dass wir heute in einer offenen Gesellschaft leben, dann kann Bildung nur heißen, dass Schülern die Werkzeuge vermittelt werden, komplexe Situationen zu analysieren und zu einem eigenständigen und abgewogenen Urteil zu kommen, das zwischen Meinung und Erkenntnis differenziert. Bildung ist nie Selbstzweck. In einer offenen Gesellschaft ist sie der Schlüssel dazu, dass der Mensch in seinem Umfeld zum Gestalter werden kann“, resümierte der Schulleiter, der im Namen aller Lehrerinnen- und Lehrer und der ganzen Schulgemeinde den Abiturienten für die weitere Zukunft persönliches Wohlergehen und Gottes Segen wünschte.

Landrat Dr. Achim Brötel gratulierte den Abiturientinnen- und Abiturienten im Namen des Neckar-Odenwald-Kreises, des Kreistages und der gesamten Landkreisverwaltung. „Fast die ganze Welt steht Ihnen jetzt offen. Und egal wohin Sie Ihre Wege führen: Der Schulabschluss ist ohne Zweifel ein gutes Fundament, auf dem Sie aufbauen können. An guten Ratschlägen wird es sicher nicht fehlen. Sie müssen allerdings aufpassen, nicht dass Sie am Ende den Stein vor lauter Weisen nicht mehr sehen“, so Dr. Brötel. Der Landrat ermunterte die Abiturienten, dass sie ganz bewusst stören und sich selbst sowie auch Anderen klar machen sollen, dass eben nicht alles, was gehe, auch gehe. Sie sollen sich nicht der allgemeinen Gleichgültigkeit und Interessenlosigkeit anpassen, die immer mehr zur „Fun-Gesellschaft“ verkomme und nur noch auf den ultimativen Klick aus sei, egal um welchen Preis. „Das Leben liegt jetzt weit geöffnet vor Ihnen, machen Sie etwas daraus“ betonte der Landrat, der abschließend den Abiturienten auf ihrem weiteren Lebensweg alles Gute und Gottes Segen wünschte. Die Stufensprecher Franziska Mütsch, Jonas Pribil, Nicolai Kilian und Joel Stauch entrichteten ebenfalls Dankesworte. Jonas Pribil ging auf „Highlights“ in der Schulzeit ein und meinte, „Es kommt eine interessante Zeit auf uns zu. Wichtig ist es, neue Kontakte zu knüpfen, aber auch die alten zu erhalten“. Nicolai Kilian sagte, man habe hier liebe, nette freundliche Menschen kennen gelernt. Wichtig und entscheiden sei allerdings der Mensch, der hinten den Noten stehe. Joel Stauch dankte den Lehrern, Eltern für ihre Unterstützung, sowie Hausmeister Thomas Zemmel und seinem Team und allen, die sie auf ihrem Weg unterstützt haben. „Danke für die gute Beziehung, die hier am GTO geherrscht habe, so Stauch.

Scheffelpreisträger Jan Knoll betonte, dass am GTO keine Extremzustände geherrscht haben, ganz im Gegenteil könne die Schule zur Avantgarde der Ausgeglichenheit gezählt werden. Er appellierte an alle Lehrer, welche nicht dem scheinbaren Trend folgen und dieses Jahr gehen: „Sorgen Sie dafür, dass das auch so bleibt. Gerade diese spezielle GTO-Atmosphäre hat uns alle gut durch die acht Jahre gebracht“, stellte Knoll fest.

Nach der Zeugnisausgabe durch den Schulleiter und dessen Stellvertreter, Studiendirektor Uwe Rossa, wurden Preise für sehr gute, hervorragende und besondere Leistungen verliehen [diese können über die folgenden Links nachgelesen werden: Besondere Leistungen (Artikel in der Zeitung "Fränkische Nachrichten" vom 29.06.2015) und Jan Knoll schaffte die Traumnote 1,0 (Artikel in der Zeitung "Fränkische Nachrichten" vom 18.06.2015), Anm. d. Redaktion]. Danach dankte Aaron von Wickede der Schülersprecherin Franziska Mütsch, die sich ehrgeizig für die Schüler eingesetzt und kein Blatt vor den Mund genommen habe. Zum Abschluss des offiziellen Teils sang der Abiturientenchor „Wunderbare Jahre“, wobei die Besucher stehend applaudierten.

Bericht: J. Häfner, erschienen in der Zeitung "Fränkische Nachrichten" vom 29.06.2015, online abrufbar unter diesem Link