Zur neuen Ausgabe: „Auf der anderen Seite“

Spannende, kuriose, tragische und lustige Geschichten werden wir euch in unserer 5. Ausgabe erzählen.

In unseren neuen Erzählungen sind Personen gezwungen, das Leben aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten: Sei es, weil sie sich in ein Tier verwandeln, Superkräfte entwickeln, dem Tod plötzlich nahe stehen oder Mitschülerinnen untereinander Rollen tauschen.

Wir wünschen Euch unterhaltende Leseminuten! Klickt euch zu den Geschichten.

Hast Du Lust, an der nächsten Ausgabe mitzuarbeiten, die vor den Sommerferien erscheinen wird? Dann spreche uns an: Entweder die betreuenden Lehrer Getrud Prochazka und Daniel Kurfiss oder die Autorinnen der jetzigen Ausgabe: Barbara, Lilly, Michele und Henrike

Mein Tag als Huhn oder wie ich meine besten Freundinnen gerettet habe

von Barbara Englert, 6d

„Louise! Steh endlich auf! Du musst die Hühner füttern!“, rief Mama und zog meine blauen Vorhänge auf. „Och nö! Heute ist doch Samstag! Kann das nicht Jonas machen?“, maulte ich. „Dein lieber Bruder muss für die Mathearbeit am Montag lernen.“ „Lieb? Von wegen!“, murmelte ich so leise, dass Mama es beim Rausgehen nicht hörte. Wütend zog ich mich an und ging runter. Auf der Treppe begegnete ich Jonas, den ich böse anschaute. „Was denn? Ich würde ja gerne die Hühner füttern, aber ich muss auf die Arbeit lernen!“, erklärte er. „Ja, ja, ist ja klar. Und nächste Woche musst du dann auf Englisch lernen, was?“, antwortete ich grimmig. „Woher weißt du das denn?“, fragte er und grinste mich frech an, ehe ich erhobenen Hauptes an ihm vorbeilief.

Unten schlüpfte ich rasch in meine gelben Gummistiefel und schnappte mir meine Jacke, bevor ich rausging. Es war ein kühler Oktobermorgen und überall lag Laub auf dem Boden. Die Bäume waren kunterbunt, als seien sie von ganz vielen kleinen Wichtelmännern angemalt worden. Gähnend lief ich Richtung Hühnerstall, mit einer kleinen Schüssel in der Küchenabfälle für die Hühner lagen. Ich lief gerade unter der alten Kastanie, als mich plötzlich etwas am Kopf traf. Eine Kastanie, die noch in der Fruchthülle war! Sie plumpste auf den Boden und ich sah noch einen grellen weißen Lichtstrahl aus der Kastanie heraus blitzen, bevor ich meine Augen schloss.

Als ich meine Augen wieder öffnete, war alles so riesig: die alte Kastanie, unser Haus und sogar die Hühnerfutterbox! „Was ist denn hier los?“, fragte ich irritiert. Langsam lief ich weiter, doch dann musste ich stoppen. In einer Pfütze sah ich mein Spiegelbild, und das war nicht so wie sonst: Ich hatte überall Federn und einen Schnabel mitten im Gesicht! Ich war ein Huhn! „Ahaaaaa!“, schrie ich laut. Plötzlich tauchte Mama aus dem Nichts auf. „Mama, Mama!“, rief ich und lief auf sie zu. „Was ist hier los?“ „Was suchst du denn hier draußen?“, fragte Mama erbost. „Warum steht hier die Futterbox rum? Und wo ist Louise? Sie sollte doch die Hühner füttern!“ „Oh nein“, dachte ich. „ Sie versteht mich ja gar nicht!“ Auf einmal packte Mama mich wirklich sehr grob und trug mich zum Hühnerstall. „Hau nie wieder ab! Sonst bring ich dich und deine kleinen Freundinnen zum Metzger!“ Sie machte die alte Tür auf und warf mich hinein und knallte die Tür sofort wieder zu. „Hilfe!“, dachte ich. „Das kann doch nur ein Alptraum sein!“ War es aber nicht.

Ich war so in meinen Gedanken, dass ich es gar nicht bemerkte, dass die anderen Hühner zu mir liefen. „Wer bist du denn? Haben wir etwa eine Neue?“, fragte eine braune Henne mit weißen Sprenkeln am Hals und am Schwanz neugierig. „Was?“, ich schrak auf. „Ach so. Äh hallo. Ich heiße Louise. Aber ich bin eigentlich gar kein Huhn. Ich bin ein Mensch und wohne da drüben im grünem Haus.“ „Ein Mensch! Habt ihr so was schon mal erlebt? Die sagt, sie sei ein Mensch!“, rief ein anderes Huhn, das überall braun war. „He, wenn du uns vergackeiern willst, solltest du es lieber lassen. Das mögen wir nämlich nicht!“, sagte wieder ein graues Federvieh. „Wirklich, glaubt mir doch! Ich bin ein Mensch! Ehrlich! Ich wollte euch gerade füttern gehen, doch dann ist mir eine Kastanie auf den Kopf gefallen und plötzlich verwandelte ich mich in ein Huhn!“ „ Jaja, ist schon klar. Und als nächstes behauptest du, du warst schon mal in Amerika!“, gackerten die anderen spöttisch. „Wartet mal. Sie kann wirklich ein Mensch sein“, sagte die, die mich begrüßt hatte.„Gestern hat doch Zwitscherschnabel berichtet, dass manche Menschen, die nicht tierfreundlich genug sind, verzaubert werden. Das könnte so ein Fall sein. Ich bin übrigens Suja von Limese und das sind Flügeltau und Schillerfeder.“ Sie zeigte mit ihrem Kopf auf die zwei grauen Hühner und dann auf die restlichen. „Da sind Krähenfuß, Schlappkämmchen, Krummschnabel, Krallenfein und Körnerpicker.“ „Äh, ok. Aber wie werde ich wieder ein Mensch?“ „Da musst du erst mal auf Zwitscherschnabel warten, aber die kommt erst wieder morgen. Von mir aus darfst du bei uns bleiben. Wir können dir ja auch bei deiner Rückverwandlung helfen“, erklärte Flügeltau. „Danke! Aber wer ist…“ - ehe ich fragen konnte, wer Zwitscherschnabel ist, klärte Körnerpicker mich auf: „Zwitscherschnabel ist unsere Nachrichtenbotin. Wie fast alle Spatzen fliegt sie zu den Vögeln, die wie wir eingesperrt sind, und erzählt ihnen den neusten Tratsch und Klatsch. Das ist manchmal ganz schön schwierig, denn man kann ja nicht einfach so zu Wellensittichen ins Wohnzimmer fliegen. Die Spatzen haben eine geheime Technik, aber die ist ein Berufsgeheimnis, welches sie niemanden verraten wollen, sagt Zwitscherschnabel immer. Da kann man echt ziemlich lange darüber grübeln, wie die Spatzen das machen.“ Mir stand der Mund offen. Spatzen als Boten! „Wow!“, sagte ich. „Willst du mehr wissen? Du musst ja noch ne ganze Weile bei uns bleiben“, erklärte Krummschnabel. „Ja, gerne!“, sagte ich begeistert. „Gut. Du darfst dich zum Beispiel nie mit den Kuckucken und den Elstern anlegen! Die sind ganz hinterhältig und gemein! Der Kuckuck ist ein skrupelloser Kindermörder und die Elster eine verlogene Diebin!“, berichtete Flügeltau voller Abscheu. „Darum sind die Adler, unsere Polizisten, immer hinter ihnen her. Und wenn sie mal einen gefasst haben, dann müssen Mörder und Diebe vor Gericht. Unsere Richter, die Eulen, verurteilen sie dann. “ „Und dann gibt es da noch die Stars unter den Vögeln, die Nachtigallen!“, erzählte Schlappkämmchen. „Die können aber auch derart schön singen und zwitschern!“ Meine neuen Freundinnen erzählten mir noch den ganzen Tag lang von ihrer Welt und ich musste immer wieder staunen zum Beispiel über Pinguine, die Butler der angesehenen Vögel oder über die halbblinden Stare. „Das habe ich euch noch gar nicht erzählt!“, rief Schillerfeder. „Als kleines Küken war ich ja in der Vogelschule und dort gab es auch eine Sonderschülerin, die dumme Gans!“ „Oh, schaut mal, die Sonne geht schon unter! Wir sollten schlafen gehen“, meinte Krähenfuß. „Schon? Es ist doch bestimmt erst sechs Uhr!“, sagte ich überrascht. „Ja, aber Zwitscherschnabel kommt doch schon kurz nach Sonnenaufgang. Und der frühe Vogel fängt den Wurm!“, erwiderte Krähenfuß. „Na gut. Dann mal gute Nacht!“

Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt: „Louise! Los, aufwachen! Gleich kommt Zwitscherschnabel!“, rief jemand. „Was? Schon?“, fragte ich unter Gähnen. „Logo!“, rief Krummschnabel. „Komm, mach deine Federpflege!“ Etwas irritiert und ziemlich unordentlich richtete ich meine Federn mit Körnerpickers Hilfe. Kaum waren wir fertig, vernahmen wir ein freches Zwitschern: „Einen wunderschönen guten Morgen! Bereit für den neusten Tratsch und Klatsch?“ Ein kleiner Spatz flog durch das Gitter der Tür herein und landete auf der Sitzstange. Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern zwitscherte munter weiter: „Die Füchse haben wieder zugeschlagen! Sie haben fünf Gänse als Geiseln mitgehen lassen! Grauenvoll, sag ich euch, echt grauenvoll. Die Adler kreisen schon den ganzen Morgen am Himmel und Kommandant Weißkopf ist echt verzweifelt! Und…“ – Ich konnte mir vorstellen, dass Zwitscherschnabel echt gerne weiter gequatscht hätte, aber ich war trotzdem ziemlich froh, als Krähenfuß den gewaltigen Redeschwall stoppte: „Hey, Zwitscherschnabel, weißt du, wir würden dir wirklich gerne weiter zuhören, aber wir haben ein Problem. Das hier ist Louise, sie ist eigentlich ein Mensch, wurde aber in ein Huhn verwandelt. Weißt du, wie wir sie wieder zurückverwandeln können?“ „Hm. Ich glaube, der alte Rabe hat mir da was erzählt: Eine sehr alte und mächtige Eule hatte bemerkt, dass viele Menschen ungerecht mit uns Vögeln umgehen. Die Eule belegte diese Menschen mit einem Fluch, damit sie wissen, wie es ist, ein Vogel zu sein. Normalerweise fällt diesen Leuten etwas auf den Kopf, bevor sie sich verwandeln. Man kann den Fluch umkehren, wenn dieser Mensch Reue verspürt und er zu dem Ort der Verwandlung zurückkehrt“, erzählte der Spatz. „Dann muss ich zu der alten Kastanie. Aber wie? Hat jemand 'ne Idee?“, fragte ich. „Ich“, sagte Suja von Limese. Wenn wir gefüttert werden, können wir raushuschen. Du rennst zu der Kastanie und wir geben dir Deckung.“ Alle waren mit dem Plan einverstanden und so warteten wir auf das Futter. Nach einer gefühlten Ewigkeit ging plötzlich die Tür auf. Mama trat herein und, ehe sie die Tür schließen konnte, schrie Suja von Limese: „Loooooos!“, und wir rannten raus. „Jetzt reicht' s! Ich ruf den Metzger an!“, kreischte sie und stürmte ins Haus. „Mist!“, dachte ich und rannte noch schneller zur Kastanie. Endlich kam ich an. „Bitte, bitte!“, sagte ich. „Ich will wieder ein Mensch sein! Ich habe meine Lektion gelernt! Bitte!“ Ich flehte das „Nichts“ an und wären meine Freunde nicht in Lebensgefahr, käme ich mir ganz schön dumm vor. Trotz meines Flehens geschah nichts. Ich bekam langsam echt Panik. Wenn der Metzger kommt, wäre ich sicher das erste Huhn, das geschlachtet wird. Ich fühlte, wie kalter Angstschweiß über meinen Rücken lief und ich bemerkte, wie mir eine Träne runter lief. Plötzlich hörte ich ein „Plums“ und eine Kastanie fiel herunter. Sie öffnete sich und ein heller Lichtstrahl blendete mich.

Als ich meine Augen wieder öffnete, konnte ich es nicht fassen: Ich war ein Mensch! Ich wollte eigentlich jubeln, doch dafür war keine Zeit: Ein weißes Auto mit dem Aufdruck „Metzgerei Wolkenwurst- alles Gute kommt von oben“ fuhr über den Hof und Mama kam aus dem Haus. „Das sind sie. Die müssen geschlachtet werden“, sagte sie und zeigte auf die Hühner. „Hm, ist wohl ein Spezialfall. Ich glaube, die lassen sich nicht fangen. Da muss ich auf härtere Maßnahmen zurückgreifen.“ Mit diesen Worten holte der Schlachter eine Axt aus dem Kofferraum und schwang sie bedrohlich. „Lasst uns Suppenhühnchen machen!“ „Spinnen Sie? Sie dreschen mit der Axt auf sie ein?!“, rief Mama empört, doch Wolkenwurst konnte sie nicht mehr hören. Er rannte quer durch den Hof und schwang dabei seine Axt wie ein Verrückter. „Ist das ein Psychopath, oder was?“, dachte ich, ehe ich losrannte. Der Metzger hatte Suja von Limese in die Ecke gedrängt und hob seine Axt, bereit zum Zuschlagen… „Halt!!!“, rief ich. „Louise!“, schrie Mama erleichtert. „Wo warst…“ – wollte sie sagen, doch der Metzger unterbrach sie. „Was willst du, Mädchen?“, fragte er mich und ließ seine Axt sinken. „Schlachte die Hühner nicht." „Und wie willst du das verhindern?“, sagte er und lachte hämisch. Plötzlich geschah vieles gleichzeitig. Die Hühner flatternden alle auf Wolkenwurst zu und begannen ihn zu picken. Ich nutzte die Gelegenheit, stürmte auf ihn zu, riss ihm die Axt aus der Hand und schmiss ihn um. „Was zum…?“ – konnte er noch sagen, bevor er in unseren Gartenteich fiel. „Das wird mir doch zu bunt!“, schrie er und rannte zum Auto zurück und fuhr schnell weg. Erschöpft ließ ich die Axt sinken, die meine Freundinnen fast umgebracht hätte. „Louise!“, schrie Mama erneut und rannte auf mich zu, um mich zu umarmen. „Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht!“ „Mama, können wir die Hühner behalten?“, fragte ich. „Wenn das dir so wichtig ist, ja. Aber wo warst du denn?“ „Ach, ich war nur bei ein paar guten Freundinnen“, grinste ich. „Aber das erzähl ich dir drinnen.“ Und nach diesen Worten gingen wir endlich wieder zurück ins Haus.

„Little G und die Wasserstopper“

von Lilly Jost, 7c

Ich lag wach in meinem Bett, obwohl es schon weit nach Mitternacht war, und dachte über die Ereignisse des Tages nach: Naja, es war eigentlich ein stinknormaler Freitag, bis auf die Sache mit Daniel. Aber das kommt erst später. Ich ging morgens meinen ganz normalen Weg in die Schule. Dieser Weg war extrem ausgeklügelt, denn ich wollte nicht schon morgens vor der Schule auf diesen Schwachmaten Marco und sein Gefolge Steve und Kevin treffen. Aus Angst, sie würden mich auf dem Schulhof abfangen, schlich ich mich meist zum Hintereingang hinein. Perfektes Timing! Gerade als ich geduckt auf meinen Platz huschte, klingelte es zum Unterrichtsbeginn. Frau März, unsere Deutschlehrerin, kam ebenfalls genau auf den Punkt. Wie jeden Morgen. Eigentlich war Frau März die netteste Deutsch- und Klassenlehrerin, die wir je hatten. Doch ihre unangekündigten Arbeiten trafen mich jedes Mal wie der Blitz. Ihr müsst wissen, ich bin nicht gerade eine Leuchte in der Schule, was daran liegen mag, dass ich eigentlich alles in meinem Kopf habe, aber sobald mich ein Lehrer an die Tafel ruft, abfragt oder mir einen Test oder gar eine Klassenarbeit vorlegt, habe ich den totalen Blackout. Ich weiß praktisch nichts mehr von dem gelernten Stoff. „Grace, nun sag doch, was kommt in diese Lücke?“, forderte mich Frau März auf, die mich gerade aus meinen Gedanken gerissen hatte. Ich war gedanklich mal wieder völlig woanders. „Naaaaa?“, drängte sie weiter. Die halbe Klasse kicherte. „Ähhm...146?!“, stammelte ich. Nun fing die komplette Klasse an zu lachen, zurecht, wie ich bemerkte, als ich vor zur Tafel guckte. Dort war ein Satz angeschrieben und darunter stand: „Ergänze das fehlende Satzglied.“ Besonders laut aber lachten Marco und Steve. Kevin lachte nicht, er schob Marco mit grimmiger Miene einen 5€-Schein unter der Bank durch. Auf was wetteten sie? Etwa auf meine Antwort?! Ach, das war ja auch egal. In diesem Moment klopfte es. Der Direktor, Herr Maier, erschien. Er hatte einen blonden, unglaublich süßen Jungen mit himmelblauen Augen und dem nettesten Lächeln, das ich je gesehen habe, im Schlepptau: „Darf ich vorstellen, das ist Daniel Kofter, er geht von jetzt an in eure Klasse“, sagte Herr Maier und wandte sich an Daniel: „Am besten setzt du dich neben… Grace!“ Ich schreckte hoch, warum ausgerechnet neben mich? Daniel schlenderte zu mir herüber und legte sein Zeug auf den Platz neben mir. „Hi, ich bin Daniel.“ „Ha… Ha.. Hallo“, stammelte ich. „Du bist dann wohl Grace, stimmt´s?“, fragte er mich und zeigte sein umwerfendes Lächeln. „Ja, stimmt“, bestätigte ich und lächelte schüchtern zurück. Wenig später klingelte es auch schon zum Stundenende. Der restliche Tag verlief ziemlich ereignislos. Bald klingelte es auch schon zum Schulschluss. Ich beeilte mich, aus dem Klassenzimmer zu kommen, doch Marco, Steve und Kevin waren schneller. Sie waren bereits auf dem Schulhof. „Na, wen haben wir denn hier“, fragte Marco, der an der Hauswand lehnte. „Hat die kleine Träumerin es etwa eilig?“ Steve und Kevin fingen an zu grinsen. Das wusste ich, ohne mich umzudrehen. Denn genauso gut wusste ich, dass sie direkt hinter mir standen. Ich wollte einfach nur weg, deshalb versuchte ich mich umzudrehen und zu gehen. Doch Kevin versperrte mir den Weg. „Was, du willst schon gehen? Leiste uns doch noch ein wenig Gesellschaft.“ Er nickte Marco zu. Bevor ich begreifen konnte, was geschah, hatte mir Marco bereits die Schultasche vom Rücken gerissen. Er leerte sie vor seine Füße auf den Boden. Meine kompletten Schulsachen lagen auf dem Boden, der vom Regen noch ganz nass war, verstreut. Mir schossen die Tränen in die Augen. Marco schaute mich an und legte sein fieses Grinsen auf. „Oh, haben wir dich jetzt etwa zum Weinen gebracht?“, fragte er mit gespielter Unschuld. „Normalerweise würden wir ja noch ein wenig bleiben, aber wir müssen leider los.“ Er schlug mir auf die Schulter, so dass ich zu meinen Büchern auf den Boden fiel. Im Weggehen lachten die drei und stießen sich gegenseitig in die Rippen. Da saß ich also, weinte und rieb mir die schmerzende Schulter. Mein Blick fiel auf meine Armbanduhr. „Mist!“, dachte ich laut. Es war bereits kurz nach halb drei. Meine Mutter kam aber im Normalfall bereits um Viertel nach zwei nach Hause. In aller Eile kramte ich mein Zeug zusammen und stopfte es in meine Schultasche. Ich stand auf und rannte den schnellstmöglichen Weg nach Hause. Ein Glück, dass Marco und sein Gefolge vermutlich bereits in irgendeine Aktivität vertieft waren. Denn ich musste durch die Straße, in der Marco und Kevin, bei denen sie sich meistens trafen, wohnten. Als ich in unsere Straße einbog und mir immer noch keine vernünftige Ausrede dafür, dass ich so lange gebraucht hatte, eingefallen war, stellte ich mit Erleichterung fest, dass meine Mutter noch nicht zu Hause war. Mein Vater musste sowieso bis 16:00 Uhr arbeiten. Ich schloss die Türe auf und ging auf direktem Weg in mein Zimmer. Dort, auf meinem Bett, lag ein Zettel von meiner Mutter, auf dem stand:

Hallo meine kleine Grace,

Ich habe heute im Geschäft noch eine wichtige Besprechung. Es könnte etwas länger dauern. Leider hatte ich keine Zeit zum Kochen. Im Kühlschrank sind noch die restlichen Spaghetti von gestern, falls du Hunger haben solltest. Ich versuche mich zu beeilen.

Gut, dann war ich also noch eine Weile alleine, solche Besprechungen zogen sich oft sehr lange hin. Na ja, was heißt schon alleine, wenn man einen Kater hat, der in solchen Momenten immer sofort zur Stelle ist und mit einem schmusen will. Denn genau in diesem Moment kam ein kleines, orangenes Wollknäuel durch den Spalt in der Tür, sprang auf mein Bett und machte „Miau?“ „Ist ja gut, Oscar“, sagte ich, setzte mich neben ihn auf mein Bett und fing an, seinen Bauch zu kraulen. Er schnurrte wie eine Nähmaschine. Nach einer Weile hörte ich, wie jemand die Türe aufschloss. „Grace, bist du da?“, rief eine Stimme von unten. „Ich bin hier, Mom“, rief ich zurück. Ich hörte, wie meine Mutter die Treppe herauf ging. Sie öffnete meine Tür ein wenig weiter und steckte den Kopf herein. „Da steckst du ja. Ich hole jetzt deinen Vater vom Büro ab. Wir fahren dann direkt weiter, zu deiner Tante. Wenn etwas ist, die Nummer von Tante Karla ist im Telefon eingespeichert.“ Ach ja, das hatte ich ja total vergessen. Meine Eltern fuhren den Samstag über zu meiner Tante Karla. „Was soll schon sein? Ist ja nur ein Tag“, beruhigte ich meine Mutter. „Gut“, sie kam rein und nahm mich in den Arm. „Dann dir einen schönen Samstag.“ „Miau!“, beschwerte sich Oscar. „Dir natürlich auch, Oscar“, sagte Mom und strich ihm lachend über den Kopf. „Euch auch einen schönen Samstag. Und richte Karla einen schönen Gruß von mir aus“, sagte ich. „Mach ich“, versicherte mir Mom und ging. Der restliche Tag verlief ereignislos. Ich nahm mir ein gutes Buch und las so ziemlich den restlichen Tag, aber ca. eine Stunde lag ich auf dem Bett und konnte nicht schlafen. Doch langsam wurde ich doch ein wenig müde.

Am nächsten Morgen wachte ich erst um 10:00 Uhr auf. Doch das war nicht so tragisch, es war schließlich Wochenende und außerdem waren meiner Eltern ja nicht zu Hause. Ich stand auf und ging in die Küche. Dort machte ich mir eine Schale Cornflakes und setzte mich an den Esstisch. Gerade als ich anfangen wollte mit Frühstücken, klingelte es an der Tür. Obwohl ich noch im Schlafanzug steckte und meine Harre noch verstruppelt waren, ging ich zur Türe und machte auf. Ich wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund war ich enttäuscht, als vor der Tür nur der Postbote mit einem Päckchen unter Arm stand. „Eine Eillieferung an Sillmer“, sagte er und tippte auf seinem Handscanner herum. „Eine Unterschrift bitte.“ Ich unterschrieb und nahm das Päckchen, von der Größe einer Schuhschachtel entgegen, mit der Annahme, es sei Dads neue Krawatte. Als ich mich jedoch wieder an den Esstisch setzte, um weiter zu frühstücken, stellte ich voller Verwunderung fest, dass das Päckchen an mich adressiert war. Ich ließ alles stehen und liegen und sauste mit dem Päckchen unterm Arm in mein Zimmer. Dort scheuchte ich Oscar von meinem Sitzsack und ließ mich selbst darauf nieder. Dieser beklagte sich müde darüber, verschwand dann aber aus dem Zimmer. Ich nahm das Päckchen genauer unter die Lupe. Es war schlampig mit Papier umwickelt und hatte keinen Absender. Ich beschloss es einfach aufzureißen. In dem Päckchen steckte irgendetwas aus Stoff, vielleicht ein Pullover. Doch bevor ich mich dem Stoffteil widmete, entschied ich mir erst einmal mir den klein zusammengefalteten, beigelegten Zettel genauer anzuschauen. Ich faltete ihn vorsichtig auseinander und las:

Liebe Grace,

du fragst dich sicher, was dies alles zu bedeuten hat. Dazu muss ich dir einiges vorab erklären: Ich bin eigentlich gar kein in Rente gegangener Anwalt, wie du und deine Eltern es immer geglaubt habt, wenn ihr mich im Sommer an der Nordsee besucht habt. Sondern ich bin eigentlich ein Superheld! Da ich allerdings nicht mehr so fit bin wie früher, bitte ich dich hiermit, mir einen Gefallen zu tun. In eurer Stadt gibt es eine Gruppe Bösewichte. Diese besteht aus fünf Jungen, von denen drei seit kurzem jeden Vormittag auf dem Marktplatz eine Akrobatikvorführung zeigen. Währenddessen klauen die anderen zwei den Leuten die Geldbörsen. Mit dem geklauten Geld gehen die Jungs jeden Sonntag nobel zu Abend essen und sparen den Rest für eine Maschine, die die komplette Wasserversorgung der Stadt lahmlegen könnte. Stell dir nur mal das Chaos vor, in das sie die Stadt stürzen würden! Deine Aufgabe ist es nun diese Jungen zu stoppen und heute um 12:30 Uhr hinter die alte Turnhalle zu bringen. Dort warten meine Kollegen auf euch, die die Jungs dann entgegen nehmen. Im Karton liegt alles bei, was du brauchst. Ich zähl auf dich.

In Liebe H-MAN (Dein Großvater Herbert)

P.S Deine Superkraft hat etwas mit Wasser zu tun, mehr kann ich dir leider nicht verraten.

Was? Stopp! Mein Opa ist ein Superheld und ICH soll ihn vertreten? Und ich habe Superkräfte, von denen ich bisher nichts wusste? Das ist das Verrückteste, was ich je in meinem Leben gehört habe. Aber naja, er rechnet mit mir und wenn ich seinem Wunsch nicht nachkam, könnte die komplett Stadt ins Chaos stürzen. Ich sollte es wenigstens einmal versuchen, obwohl die Chance sehr gering war, dass ich fünf wahrscheinlich ältere, stärkere und größere Jungen erledigte. Ich beschloss erst einmal den Rest des Päckchens zu durchsuchen. Das Stoffteil, von dem ich dachte, es sei ein Pulli, entpuppte sich als blau-türkisfarbenen Superheldinnenanzug, wie ihn die Superhelden in Filmen immer trugen, mit einem großen G vorne drauf. Daraufhin hob ich eine dunkelblaue Augenmaske und ein Seil aus der Schachtel. Nun wurden meine Zweifel immer stärker. Damit sollte ich fünf, mir völlig überlegene, Jungs schnappen?! Mir blieb nicht mehr allzu viel Zeit zum Nachdenken, denn es war bereits fünf nach elf. Ich schlüpfte in den Anzug, jedoch ließ ich die Augenmaske weg und stopfte diese nur in die Jackentasche der Jacke, die ich über den Anzug zog. Schließlich wollte ich ja nicht auffallen. Schnell schnappte ich mir noch einen Hausschlüssel und das Seil. Dann verließ ich das Haus. Den Weg zum Marktplatz wusste ich im Schlaf. Dort kam ich genau zur richtigen Zeit an. Eine Menge Leute hatten sich um drei Jungs versammelt, die auf einer Turnmatte eifrig akrobatische Kunststücke aufführten. Ich ließ meinen Blick durch die Menge schweifen und tatsächlich: Ich entdeckte zwei Jungs mit großen Turnbeuteln, die den Menschen ununterbrochen die Geldbeutel aus den Taschen zogen. Ich überlegte, was ich tun sollte. Doch plötzlich ging alles so schnell. Als der eine Junge außer Sichtweite war, stand der andere direkt hinter mir. Ich packte ihn am Handgelenk, drehte mich um und schleuderte ihm mit einem erstklassigen Karateschlag meine Faust entgegen. Ich traf ihn mitten im Bauch, sodass er, krümmend, auf dem Boden lag. Zum Glück bemerkten die Leute nichts, da sie immer noch gebannt der Akrobatikvorführung zusahen. Ich beeilte mich den Jungen von etwa 16 Jahren mit dem Seil zu fesseln. Dann zog ich doch die Augenmaske hervor und zog sie auf. Kurz darauf sah ich, wie sich der zweite Dieb, der seine Geschäfte offensichtlich erledigt hatte, aus dem Staub machen wollte. Er schlenderte direkt an einem Springbrunnen vorbei. Ich erinnerte mich an einen Film, den ich neulich gesehen hatte. Wie hieß der doch gleich? Ach, das ist ja auch egal. Jeden Falls handelte er von einer Person, die mit bloßer Willenskraft Wasser bewegen konnte. Ich wusste nicht warum, doch irgendein Instinkt sagte mir, dass ich es versuchen sollte. Ich schloss die Augen, konzentrierte mich mit aller Kraft darauf, mir eine Fessel aus Wasser vorzustellen, die den zweiten Taschendieb gefangen nehmen sollte. Ich registrierte nicht mehr, was um mich herum geschah, doch als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, dass der zweite Junge von etwa 17 Jahren klitschnass und grimmig dreinschauend von einer beinahe unsichtbaren Fessel aus Wasser im Brunnen festgehalten wurde. „Steh auf und keinen Mucks! Du und dein Komplize folgt mir besser, verstanden?“, herrschte ich den immer noch vor meinen Füßen, auf dem Boden liegenden Jungen mit einer festen, unerschütterlichen Stimme an. Diese Entschlossenheit in der Stimme an mir kannte ich bisher nicht. „Ja“, meinte der Junge kleinlaut. Diese Stimme nützte also etwas. Der Junge stand auf und folgte mir wortlos. Als wir am Brunnen vorbei liefen, gab er seinem Komplizen ein Zeichen zu folgen. Er ging wieder willig mit. „Aber wer bist du?“, fragte mich der trockene Junge auf halber Strecke. Beide Jungen waren immer noch an den Armen gefesselt. „Ich...Man nennt mich Little G“, antwortete ich mit derselben festen Stimme von vorhin und machte den Reißverschluss meiner Jacke auf. „Kontaktiert eure Komplizen. Sie sollen um Punkt halb eins hinter der alten Turnhalle sein. Der jüngere der beiden nickte wortlos. Ich lockerte seine Fesseln ein wenig, sodass er ein Handy hervorkramen und drei SMS verschicken konnte. Ich ging nun mit den beiden hinter die Turnhalle und stellte, mit einem Blick auf meine Armbanduhr fest, dass es bereits 12:28 Uhr war. Kurze Zeit später tauchten die drei Akrobaten auf. Anscheinend wussten sie schon, wie der Hase läuft, denn sie stellten sich mucksmäuschenstill zu den anderen. Dann, genau im richtigen Augenblick, tauchte eine schwarze Limousine mit verdunkelten Scheiben auf. Heraus kamen vier Männer mit schwarzen Anzügen und dunklen Sonnenbrillen: Opas Kollegen. Sie gingen wortlos zu den fünf Jungen hinüber, legten ihnen Handschellen an und bugsierten sie ins Auto. Als drei der vier Männer bereits im Auto saßen, kam der Größte von ihnen noch einmal auf mich zu und sprach: „Vielen Dank, Grace. Wir stehen tief in ihrer Schuld. Doch wir müssen jetzt bedauerlicherweise auch schon wieder los. Auf Wiedersehen, Miss Sillmer.“ Der Mann stieg zur Fahrertüre ein und manövrierte die Limousine geschickt durch eine schmale Seitenstraße. Ich schaute ihnen nach, bis ich sie nicht mehr sehen konnte. Plötzlich schepperte etwas hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum. Alles war gut! Es war nur jemand über eine alte, leere Suppenbüchse gestolpert. Oh nein, doch nicht gut. Dieser Jemand war nämlich Daniel. „Oh...Entschuldigung...Ich wollte dich nicht erschrecken, Little G“, sagte er und grinste verlegen. „Ähm...Ich...Ha...Hast du gar nicht“, wo war nur diese verflixte feste Stimme, wenn man sie mal brauchte? „Ähm...Äh...Ich wollte nur sagen, dass das eben echt stark war“, meinte Daniel und errötete. „Ja...Ähm...Ich...Äh...muss jetzt weiter“, stotterte er und spürte, wie auch ich knallrot wurde. „Okay,...dann bis Montag in der Schule Grace“, sagte er und seine himmelblauen Augen fingen an zu leuchten. „Äh...Ja...Äh...Nein...Woher weißt du...?“, stammelte ich verlegen, doch Daniel war bereits verschwunden. Nach einem kurzen Moment, in dem ich einfach nur glücklich dastand, schloss ich meine Jacke und stopfte die Augenmaske wieder in die Tasche und machte mich auf den Heimweg. Als ich an der Schule vorbeilief, bemerkte ich drei Gestalten, die dort herum hingen. Sie bemerkten mich ebenfalls, lachten und schlenderten auf mich zu. Ich wartete auf das bereits bekannte Angstgefühl, jedoch vergebens. „Na, wer traut sich denn hier so ganz alleine herumzulaufen? Unser Träumerle!“, fing Marco an. Steve, Kevin und er grinsten. Doch es machte mir nichts aus. „Ganz ehrlich Marco, deine dummen Sprüche gehen mir langsam ziemlich auf den Keks. Geh doch einfach und spiel` mit deinen kleinen Freunden!“ Was fiel mir eigentlich ein? Die Entschlossenheit in meiner Stimme beeindruckt sie. Ich hatte den Dreien so das blöde Grinsen aus dem Gesicht gewischt. „Na Marco, willst du nicht noch was sagen?“, forderte ich ihn auf. „Nein, nein. Bis Montag“, sagte er immer noch sehr verdutzt. Mit einem zufriedenen Grinsen legte ich den restlichen Weg nach Hause zurück. Als ich daheim ankam, zog ich mir schnell wieder normale Kleidung an, verstaute den Superheldenkram wieder in der Box und stellte diese an einen geheimen Ort. Ich ging in die Küche, fütterte Oscar, der sich sehr wahrscheinlich wieder einmal im Garten herumtrieb, und machte mir etwas zu essen. Diese ganze Superheldensache machte ganz schön hungrig, zudem hatte ich seit gestern Abend nichts mehr gegessen. Den restlichen Tag verbrachte ich mit Lesen, Fernsehen und natürlich damit, Oscar zu kraulen. Bis ich dann schließlich ins Bett ging. Wenig später, als ich mich bereits im Halbschlaf befand, steckte mein Vater noch einmal den Kopf zu meiner Zimmertüre herein. „Oh. Du schläfst schon. War dein Tag so anstrengend oder was ist Besonderes vorgefallen?“, fragte Dad. „Was soll schon gewesen sein? Es war eben ein stinknormaler Samstag“, versicherte ich ihm. „Na, dann. Gute Nacht, meine kleine Grace.“ „Gute Nacht, Dad.“ Damit ging er wieder. Ach, mein Leben grenzte schon an das, was man perfekt nennen konnte: Eine außergewöhnliche und tolle Familie, einen Superhelden als Opa, das Wissen, dass man vor Leuten wie Marco, Steve oder Kevin nicht einmal im Dreierpack zurückschrecken musste, einen supernetten Jungen, der einen offensichtlich auch ein wenig mochte, Superkräfte, ja SUPERKRÄFTE!!! Ich habe es selbst noch nicht ganz realisiert. Und natürlich, um ihn nicht zu vergessen, einen Kater wie Oscar.

Lebe dein Leben, solange du kannst

von Michele Palesch, 8a

Es war der 06.12.2014, der mein Leben veränderte.

Hi, ich bin Mila und ich habe kurz nach meinem 13. Geburtstag erfahren, dass ich Lungenkrebs habe. Aber erst mal die Geschichte vor meiner Diagnose.

Ich war gerade auf dem Weg von der Schule nach Hause, als meine Freundin Lola mir hinterherrief: „Mila, du hast deinen Ordner in der Schule vergessen! Willst du denn den nicht mitnehmen?“ Ich antwortete: „Nein, den brauch ich heute nicht, sondern erst morgen wieder!“ Lola antwortete: „OK!“ Sie hatte mich inzwischen eingeholt und ich fragte, ob sie heute Zeit habe und mit shoppen gehen wollte. Sie sagte: „Mila, ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich die ganze Woche keine Zeit habe, weil ich auf meine Geschwister aufpassen muss. Aber nächste Woche bestimmt.“ Ich war etwas enttäuscht, ließ es mir aber nicht anmerken. Jetzt trennten sich unsere Wege. Wenn ich doch bloß daran gedacht hätte!

Also ging ich um 15.00 Uhr zu meiner Freundin Larissa und wir verabredeten, uns eine halbe Stunde später am Springbrunnen zu treffen. Larissa und ich kennen uns schon seit dem Kindergarten. Ich hatte ihr damals hoch geholfen, als sie aus der Schaukel gefallen war. Sie dankte mir und sagte, dass bis dahin niemand so nett zu ihr gewesen war, denn sie war erst hierher gezogen . Ich sagte damals: „Ich helfe jedem, der Hilfe braucht. Ich bin Mila. Und wer bist du?“ Sie antwortete: „Ich heiße Larissa und wohne in der Tauentzienstraße 12.“

Ich war erstaunt und bekannte: „Das ist ja direkt neben mir. Das ist ja toll.“ Sie sagte auch, dass das sehr „toll“ sei. Um 15.30 Uhr kam ich an den Brunnen und sah, dass Larissa zusammen mit einem Jungen auf mich wartete. Ich fragte: „Wer ist das, Larissa? Ich dachte, wir treffen uns alleine!“ Sie:„Das ist Tobias, mein Freund. Wir sind seit zwei Jahren zusammen. Aber du wusstest es nicht, weil er am Anfang in Hamburg und nicht hier in Ludwigsburg gewohnt hatte und wir also eine Fernbeziehung hatten. So, jetzt weißt du alles.“ Ich war schon etwas sauer, aber der Ärger verflog sehr schnell wieder. Wir gingen ins nahegelegene Eiscafé und bestellten uns eine große Portion Eis zu dritt. Danach musste ich wieder nach Hause, denn meine Mutter feierte heute ihren 30. Geburtstag. Ich verabschiedete mich also von Tobias und nahm Larissa zum Abschied in den Arm. Nach der Feier war ich so müde, dass ich mich sofort ins Bett legte.

Mitten in der Nacht, ungefähr um 2.00 Uhr, wachte ich auf und bekam keine Luft mehr. Ich rief meine Mutter, die rief den Arzt und der wiederum nach einer ersten Untersuchung sagte: „Ihre Tochter muss sofort ins Krankenhaus, das muss genauer diagnostiziert werden.“ Also fuhr ich mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus und musste am Morgen mehrere Untersuchungen über mich ergehen lassen. Am nächsten Tag sagte der Arzt, der mich bisher durchweg im Krankenhaus betreut hatte, auf dem Gang zu meinem Hausarzt: „Dein Verdacht hat sich bestätigt, das Mädchen hat Lungenkrebs. Soll ich es ihr und ihrer Mutter sagen oder du?“ Nahe der Zimmertüre konnte ich alles heimlich mithören. Der Arzt antwortete:„ Ich mach das schon, aber danke.“ Also kam er in mein Zimmer und sagte zu mir und meiner Mutter, dass es schlechte Nachrichten gebe. Ich hätte eine schlimme Art von Lungenkrebs und hätte noch maximal zehn Monate zu leben. Und zu mir sagte er: „Lebe dein Leben, solange du es kannst!“ Ich nickte, denn sagen konnte ich mit der Atemmaske, mit der ich inzwischen künstlich beatmete wurde, nichts. Ich fing, nachdem er weg war, an zu weinen. Meine Mutter beruhigte mich und tröstete mich: „Wir machen in der Zeit noch alles, was du willst!“ Ich nickte.

Zwei Tage später durfte ich endlich wieder nach Hause. Ich hatte inzwischen eine Liste mit den zehn Dingen geschrieben, die ich vor meinem Tod noch machen möchte:

  1. Letzter Ausritt mit meinem Pferd Sternchen
  2. Pyjamaparty mit all meinen Freunden
  3. Auf ein Bayernspiel gehen und Mario Götze begegnen
  4. Beide „Fuck ju Goethe“-Filme dreimal schauen
  5. Eine Fahrt in den Europa- und Heidepark
  6. Eine Fahrt ins Disney Land Paris
  7. Letztes Zeltlager mitmachen
  8. Noch einmal richtig shoppen
  9. Hauptrolle im zweiten Stück meiner Theatergrupp spielen
  10. Bei Sternchen endgültig einschlafen

Meine Mutter sagte, dass wir alles machen würden, aber nicht auf einmal. Punkt 4 hatten wir heute schon erledigt. Punkt 2 und 3 werden auch bald erfüllt. Ab jetzt, habe ich beschlossen, werde ich mein Leben jeden Tag im Tagebuch festhalten. Also fing ich gleich an.

Liebes Tagebuch,

dies ist der erste Eintrag nach meiner Diagnose. Ich habe eine Liste gemacht, mit all den Sachen, die ich noch machen möchte. Ich hoffe, dass wir noch alles schaffen. Ich habe mich heute mit Larissa zum Shoppen verabredet. Also: Punkt 8 abgehakt.

So ich mach jetzt Schluss. Bis morgen.

Ich klappte mein Tagebuch zu und ging runter zu Larissa. Dieses Mal waren wir wirklich ausgiebig shoppen.

Am nächsten Tag in der Schule fragte mich Lola, wie es mir gehe. Ich antwortete: „Es geht mir ganz gut. Aber der Schock über die Diagnose bleibt noch eine Weile. Weißt du, was meine Mutter heute Morgen zu mir gesagt hat?“ Lola schüttelte den Kopf. Ich erklärte: „Sie hat gesagt, dass wir am Samstag meinen Geburtstag nachfeiern. Und zwar mit einer Pyjamaparty, zu der ALLE meine Freunde eingeladen sind. Also: Punkt 2 abgehakt.“ Lola fragte etwas verwirrt: „Punkt 2?“ Ich sagte ihr, dass ich eine Liste mit den zehn Dingen angefertigt habe, die ich noch erleben möchte. Jetzt hatte sie verstanden und freute sich auch schon auf Samstag. Also trafen wir uns nach der Schule bei mir und planten alles für Samstag. Am Ende hatten wir beschlossen, dass es am Samstag zum Abendessen Currywurst mit Pommes gibt. Ich war überglücklich, dass mein zweiter Wunsch in Erfüllung geht.

Am Samstag um 18 Uhr kamen Lola, Larissa, Tobias, Sascha und meine Geschwister Louisa und Benjamin zu der Party. Meine Geschwister wohnen bei meinem Vater in Stuttgart, denn meine Eltern hatten sich kurz nach der Geburt der beiden getrennt. Wir hatten sehr viel Spaß. Um Punkt 24 Uhr legten wir uns dann mit vollem Bauch schlafen. Wir waren uns einig am Sonntagmorgen einig, dass wir in der Schule am Montag mächtig viel zu erzählen haben. Louisa und Benjamin fragten, ob sie mit meinen Geschwistern und mir den Sonntag verbringen dürften. Unsere Mutter und unser Vater stimmten zu. Wir verbrachten den Tag also in meinem Zimmer und unterhielten uns über unsere Zukunftswünsche.

Ich wollte am nächsten Tag in der Schule allen meinen Freunden von meiner Krebserkrankung erzählen, aber dazu kam ich nicht mehr. Als ich in der Schule ankam, ging es mir schon nicht zu gut, ich dachte, es wäre noch vom Samstag, dass ich mich einfach übergessen habe. Aber in der 5. Stunde ging es mir immer noch nicht besser und Lola sagte, ich solle so schnell wie möglich zu meinem Arzt gehen. Das machte ich dann auch. Der Arzt sagte: „Du musst schon wieder ins Krankenhaus. Ich bringe dich diesmal persönlich hin.“ Also fuhren wir wieder in die Klinik und wieder wurde ich sofort untersucht. Der Arzt sagte danach zu mir, dass die Funktion meiner Lunge rapide abgenommen habe und ich sofort operiert werden müsse. Ich fragte:„ Und was ist, wenn ich nicht operiert werde?“ Der Arzt antwortete:„ Dann kann es sein, dass du nicht mehr so lange zu leben hast. Dann hast du nicht zehn Monate mehr, sondern vielleicht noch zwei Wochen.“ Ich stutzte und nickte. Somit hatte ich der OP zugestimmt. Meine Mutter brachte mir dann noch meine Klamotten und mein Lieblingsfotobuch.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr wurde ich operiert. Die OP dauerte geschlagene fünf Stunden und meine Mutter saß die ganze Zeit vor dem OP-Saal und zitterte. Der Arzt beruhigte sie nach der Operation:„ Ihre Tochter hat es überstanden. Sie liegt jetzt auf der Intensivstation. Sie dürfen jetzt zu ihr.“ Meine Mutter ging natürlich sofort zu mir. Sie war erstaunt über die vielen Maschinen, die mich überwachen sollen. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich. Sie nahm meine Hand und hielt sie ganz fest. Sie will sie bestimmt nicht mehr loslassen.

Es waren inzwischen vier Stunden vergangen und meine Mutter saß immer noch an meinem Bett und wartete, bis ich aufwachte. Irgendwann machte ich die Augen auf und sagte leise zu meiner Mutter: „Mama, du brauchst nicht mehr weinen. Ich bin wieder bei dir!“ Sie schaute mich an und über ihren Mund huschte ein Lächeln. Aber in ihren Augen lag immer noch dieser traurige Tränenschleier. Sie sagte mir:„ Ich bin so froh, dass es dir besser geht. Ich hole mal schnell den Arzt, dass er nach dir schauen kann.“ Zwei Minuten später stand der Arzt in meinem Zimmer und sagte:„ Es ist ein Wunder, dass du heute schon aufgewacht bist.“ Ich nickte. Also untersuchte er mich. Nach der Untersuchung sah er mich mit traurigem Blick an und sagte, dass die OP fast nichts gebracht hat und meine Lunge immer noch sehr schlecht arbeitet. Das würde für mich heißen, noch mehr Besuche beim Arzt und noch weniger Zeit für meine Freunde. Ich malte mir schon aus, wie alle meine Freunde und Freundinnen darauf reagieren werden. Nämlich nicht gut. Ich fragte: „Mama, kannst du mir mal das Telefon geben?“ „ Ja klar!“, antwortete sie. Ich rief sofort bei meinen Freunden an und sagte, dass ich sie ganz schnell brauche. Aber irgendwie hatten alle keine Zeit. Ich hatte so das ungute Gefühl, dass sie mich jetzt alle im Stich lassen werden. Genauso habe ich es meiner Mutter gesagt und die erwiderte: „Quatsch! Das bildest du dir nur ein. Die haben vielleicht nur viel zu lernen. Wart es ab, sie werden sich schon melden.“ „Aber sie melden sich nicht mehr, nicht heute und auch nicht am nächsten Tag!“, dachte ich mir.

Also wartete ich am nächsten Tag schon ganz früh darauf, dass meine Freunde anrufen. Aber sie taten es nicht. Erst am späten Abend rief mich Lola an und teilte mir mit: „Ich wollte dir sagen, dass es, da wo du jetzt krank bist, nicht mehr mit unserer Freundschaft hinhaut. Tut mir leid!“ Und legte auf. Ich dachte: „Warum haut unsere Freundschaft nicht mehr hin?“ Ich wusste es nicht. In dem Moment kam meine Mutter und fragte: „Und, hat Lola dich schon angerufen?“ Ich antwortete: „Ja, das hat sie. Sie sagte allerdings, dass es mit unserer Freundschaft nicht mehr hinhaut!“ Meine Mutter konnte mir in diesem Moment nicht helfen. Ich sagte zu ihr, dass ich etwas Zeit zum Nachdenken brauche und Lola morgen anrufen würde.

Ich ging eine Woche später wieder zur Chemotherapie und blieb dort länger, als ich eigentlich geplant hatte. Ich ging anschließend in die Caféteria und gönnte mir ein schönes kaltes Eis. Dann ging ich um 18 Uhr wieder auf mein Zimmer. Nun kam der Arzt für die Tagesuntersuchung. Er sagte, dass es mir ganz gut ginge. Das freute mich natürlich.

Am nächsten Morgen verschlechterte sich mein Zustand rapide. Ich beschloss, alles, was ich in letzter Zeit erlebte hatte, aufzuschreiben. Meine Mutter hatte gesagt, dass das sogar sehr gut wäre, um das Erlebte zu verarbeiten. Da der Arzt von meiner Liste wusste, erlaubte er mir, dass ich nach Hause durfte, um meinen letzten Wunsch zu erfüllen. Also holte mich meine Mutter ab und wir fuhren zu meinem Hund Sternchen. Er begrüßte mich mit einem lauten Winseln. Ich sagte: „Ja, es ist auch schön, dich wieder zu sehen.“ Wir richteten meinen heutigen Schlafplatz ein und gingen danach ins Haus. Ich hatte mein Leben solange gelebt, wie ich es konnte.

Die Neue

von Henrike Baar, 6d

„Guten Morgen!“, rief die junge Frau, während sie ins Klassenzimmer stürmte. Das war Frau Fröhlich, die Klassenlehrerin der 9c. „Gu – ten Mor – gen, Frau Fröh – lich“, antwortete die Klasse gelangweilt. Das war Frau Fröhlich inzwischen gewohnt, und trotzdem versuchte sie es jeden Tag auf ein Neues: „Mal ein bisschen mehr Stimmung hier! Immerhin haben wir eine neue Mitschülerin, na, komm her, Charlotte!“, rief sie in Charlottes Richtung. „Das hier ist Charlotte Hüsch. Aber ich will gar nicht so viel sagen. Charlotte übernimmt jetzt!“ Eigentlich hatte Charlotte gar nicht vor, so viel zu sagen. Aber anscheinend blieb ihr nichts anderes übrig, als sich vorzustellen. Denn einfach nichts sagen, das wäre ja nicht angebracht. Also erklärte sie: „Ähm, ja, hallo… ihr wisst ja schon, wer ich bin…Charlie. Ich bin 15 und komme aus Ingelsberg. Und ich glaube, dass euch nicht interessiert, welche Hobbys ich habe“, erklärte sie. Nachdem sie das gesagt hatte, schaute Charlotte Frau Fröhlich erwartungsvoll an. „Ach ja, genau“, meinte Frau Fröhlich, „setz dich bitte neben Mara, das Mädchen dort hinten in der Ecke. Und, Mara, führe sie in der Mittagspause bitte mal durch das ganze Schulhaus. Danke. So, und jetzt können wir endlich mit dem Unterricht beginnen.“ Yeah! Geschichte! Die Schüler schauten zu Charlotte, während sie durch den Gang bis ganz nach hinten zu Mara lief. Mara war ein hübsches Mädchen und machte einen sehr netten Eindruck, aber wenn man genauer hin sah, konnte man ein böses Blitzen in ihren Augen erkennen. „Hey…, Charlotte. Nur dass das mal klar ist: Du bist echt hübsch … aber ich werde immer die Schönste sein“, zischte Mara, während sie Charlotte von Kopf bis Fuß musterte. So eingebildet hätte Charlotte sie gar nicht eingeschätzt, aber sie konnte ja nicht gleich am ersten Tag einen neuen Sitzplatz beanspruchen, also setzte sie sich einfach neben Mara und versuchte nicht zu sehr aufzufallen.

*****

Nachdem auch die 10. Stunde geschafft war, konnte Charlotte endlich heimgehen. Obwohl sie sich eigentlich gar nicht freuen sollte, denn ihre Eltern waren zu Hause. Charlottes Eltern, mit Vornamen Maik und Sina genannt, waren nämlich ziemlich peinlich: Maik war Landwirt und immer darauf aus, Charlotte etwas über Landwirtschaft und Viehzucht beizubringen. Und Sina war Designerin und Besitzerin einer Boutique und wollte immer Charlottes Maße wissen, um ihr irgendwelche rosafarbenen Kleider zu nähen. Aber heute freute sie sich auf ihr Zuhause. Sie war schon auf dem Weg, als sie hörte, dass irgendjemand ihren Namen rief. Sie drehte sich um und sah zwei Mädchen, die hinter ihr standen. „Hallo, Charlotte. Wir sind, Juli“, sagte das eine Mädchen, „und Angelina“, stellte sich das andere Mädchen vor. „Schön, dich kennen zu lernen. Bitte nenn‘ uns Jules und Angy“, vervollständigte Juli. Charlotte wusste erst mal gar nicht so genau, was sie sagen sollte. „Äah, ja. O.K., also Jules und Angy. Ich schätze, ihr seid in meiner Klasse?“, mutmaßte Charlotte. „Ja, sind wir. Wir wollen dich aber nicht davon abhalten, nach Hause zu gehen. Wir sehen uns ja morgen eh wieder“, antwortete Julia und winkte Charlotte zum Abschied. „Tja, ich werd dann auch mal gehen. Bye, bis morgen“, verabschiedete sich auch Angelina. Charlotte ging jetzt zwar alleine, aber fröhlich nach Hause.

*****

„RING RING RING!“, klingelte Charlottes Wecker, „RING RING RIOooo!“ Charlotte schaltete den Wecker aus und gähnte nochmal ins Kissen. Sie nahm sich vor, sofort aufzustehen, aber gerade jetzt war das Bett so gemütlich und weich! Nur leider war es so weich, dass Charlotte sofort wieder einschlief. Sie schlief zwei Minuten, drei Minuten, 40 Minuten. Und sie schlief immer noch. Da knallte die Tür auf und Charlottes Mutter stand im Rahmen. „Och, Lottchen! Hast du etwa verschlafen? Und das auch noch am 2. Schultag?! Schätzchen, du musst jetzt ganz schnell aufstehen. Oder willst du etwa einen schlechten Eindruck bei den Lehrern machen? Raus jetzt! Ich muss in die Boutique. Bye Bye, Honigbienchen!“, rief sie in Charlottes Richtung. Charlotte sah auf die Uhr und sprintete ins Bad. Nachdem sie geduscht und angezogen war, rannte sie aus dem Haus und, so schnell sie konnte, in Richtung Schule.

*****

Auf dem Weg in die Schule stolperte Charlotte über eine Wurzel und sah vor sich einen goldenen Ring mit einem saphirblauen Edelstein liegen. Der Edelstein leuchtete tiefblau wie das Meer, und Charlotte musste ihn einfach über ihren Finger ziehen. Der Ring passte wie angegossen. Die Schule war nicht mehr weit weg und sie beeilte sich. Sie war fast dort, als sie Mara am Gehsteig stehen sah. Diese schaute sich um und entdeckte dabei Charlotte. „Charly, HEY! Was für ein Zufall, dich hier zu treffen. WOW, was für ein schöner Ring. Ganz sicher weißt du, dass ich Geschenke liebe. Also bin ich mir sicher, dass du mir diesen wundervollen Ring schenken willst. Na komm, jetzt gib ihn mir schon. Los“, befahl sie böse, „gib ihn mir. Gib mir den Ring oder ich nehme ihn mir. Du willst es ja nicht anders.“ Ehe sie den Ring berührte hatte, passierte etwas ganz Merkwürdiges: Beide Mädchen wurden in den Ring eingesaugt und wieder ausgespuckt… nur leider im Körper der jeweils anderen. Zuerst bemerkten sie es nicht, doch dann sahen sie sich an und schrien laut drauf los. „Was hast du mit mir angestellt?!“ „Nein, was hast du mit mir angestellt?!“, beschrien sich die beiden gegenseitig. Sie verstanden es nicht, diskutierten eine Weile und schließlich einigten sie sich darauf, dass sie sich wohl erst mal im Körper der anderen aufhalten müssen, bis das Rätsel gelöst ist. Doch dann fiel ihnen blitzartig ein, dass sie ja noch in die Schule mussten. Sie rannten und rannten, so schnell sie konnten, bis sie die Schule erreicht hatten. Vorher war es ihr nie aufgefallen, aber jetzt sah Mara, im Körper von Charlotte, dass die Winston Zwillinge von ein paar älteren Jungen geärgert wurden. Es tat ihr sehr Leid, ein Gefühl, das ihr bisher unbekannt war. Sie wollte schon hingehen und eingreifen, als die Schulglocke läutete. „Komm, wir müssen rein“, meinte Charlotte und zog Mara am Ärmel, „und in der Mittagspause müssen wir herausfinden, was mit uns passiert ist. Na komm.“ Die beiden gingen in die Klasse und machten sich den ganzen Vormittag über Gedanken darüber, was passiert sein könnte. Als ihr Mathelehrer, Herr Wiesacher, in der Stunde Charlotte aufrief, blickten alle zu dem Körper von Charlotte, in dem Mara steckte. Sie rührte sich nicht, denn sie war ja gewohnt, mit dem Namen Mara angesprochen zu werden. „Charlotte, Charlotte! Fräulein Hüsch, ich rede mit Ihnen! Charlotte!“, rief er genervt. Plötzlich räusperte sich Charlotte, im Körper von Mara. „A-Quadrat. Das ist die Lösung. Da man X…“, weiter kam sie nicht, denn ihr fiel ein, dass sie ja auf den Namen Mara hören musste. „Ääh… Entschuldigung.“ „Mara Jung! Gibt es denn etwa zwei Charlottes in dieser Klasse?! Aber gut, ich bin froh zu wissen, dass du es wenigstens diesmal verstanden hast“, lächelte Herr Wiesacher zu Charlotte rüber. Sie dachte sich dabei nur: ‚Ich verstehe in Mathe immer alles.‘

*****

„Wow, kann es sein, dass du mir gerade eine gute mündliche Note eingesackt hast?“, fragte Mara Charlotte nach dem Unterricht. Charlotte antwortete: „Ja, ja, das kann sein. Und du hast mir eine schlechte eingebracht. Ich geh jetzt zu Angy und Jules… und dann suchen wir nach einer Lösung.“ Mara blieb wie angewurzelt stehen. Sie schaute Charlotte nach, wie sie in ihrem Körper zu Angelina und Julia spazierte. Da fiel ihr etwas ein und sie rief Charlotte nach: „Charlotte, bleib stehen! Du kannst doch nicht so zu Julia und Angy gehen!“ Charlotte drehte sich um und schaute Mara fragend an. „Und wieso nicht, bitteschön?“ Sie drehte sich um und stolzierte weiter. Mara fiel in diesem Moment auf, wie doof es aussah, wenn ihr Körper stolzierte. „Hi Jules, hi Angy! Wie geht’s euch?“, fragte Charlotte in Maras Körper. „ Ääh, es tut mir leid, aber ich wüsste nicht, was dich das angeht. Immerhin sind wir ja nicht gerade die besten Freundinnen. Willst du nicht zu deinen Freundinnen gehen, Mara?“, meinte Julia. Und in diesem Moment fiel Charlotte ein, dass sie ja nicht sie selbst war. Es fiel ihr schwer, ihren einzigen Freundinnen nicht erklären zu können, dass sie es war, Charlotte. Charlotte schaute Mara fragend an in der Hoffnung, dass sie versteht, was Charlotte meint. Sie verstand es und nickte Charlotte zu. „Ich bin’s, Charly. Ihr glaubt mir jetzt vielleicht nicht, aber ich und Mara… haben irgendwie den … Körper vertauscht“, erklärte Charlotte ihren Freundinnen. „Ja, is klar. Als ob wir unsere eigene Freundin nicht wiedererkennen würden. Aber wenn du dir so sicher bist, Charlotte, dann müsste deine Mara ja auch sagen, dass sie wirklich Mara ist. Ich glaube dir, aber nur, wenn du es auch beweisen kannst.“ Angelina klang ernst und wollte es wirklich wissen. Sie schaute zu Mara, in Charlottes Körper, und winkte sie mit der Hand her. Sie kam langsam anspaziert und schaute die anderen fragend an. „Bist du Mara?“, fragte Julia eilig. „Hast du es ihnen erzählt? Ja… ich bin Mara. Und wir wissen nicht, wie und was da passiert ist. Ihr müsst uns helfen, es herauszufinden“, meinte Mara. „Also ein großartiger Beweis war das jetzt nicht… aber ok. Ich glaube euch. Ich hab‘s ja versprochen. Also, was müssen wir tun?“, fragte Angelina. Mara und Charlotte stockten. Doch dann fing Mara an: „Also ehrlich gesagt, wissen wir das nicht so genau. Aber wir wissen, dass wir herausfinden müssen, was passiert ist… also was genau. Wir wissen, dass wir die Körper getauscht haben, aber wie? Vielleicht geht das wie in diesen Filmen, dass man das selbe einfach nochmal tun muss. Einen Versuch ist es wert.“ Charlotte, Angelina und Julia schauten sich an. Ihnen fiel leider auch nichts Besseres ein. Und irgendwas mussten sie ja tun. Also beschlossen sie erstmal zu überlegen, was sie, während sie sich verwandelten, passiert war. Sie grübelten eine Weile, bis Mara etwas einfiel. Sie rief zwischen die Gedanken der anderen. „DER RING! Ich wollte ihn unbedingt haben und habe nach ihm gegriffen. Oh Mann, das hab ich nun von meiner Habgier. Zum Glück ist er noch an diesem Finger“, sagte Mara und hielt ihn Charlotte vor die Nase. Sie schaute die anderen ängstlich an und berührte den Ring schließlich. Es passierte wie beim ersten Mal. Beide wurden in den Ring eingesogen, aber diesmal wieder im richtigen Körper ausgespuckt. Sie schauten einander an und fielen sich lachend um den Hals. „Es hat geklappt! Mara, du bist ein Genie! Und deine harte Schale versteckt in Wirklichkeit ein ganz weicher Kern. Du bist echt nett“, lobte Charlotte Mara. „Naja, also das mit der Schale stimmt und so, aber das Genie? Also ich glaube, ich schau einfach zu gerne Mystery-Filme. Und in deiner Haut war ich jemand ganz anderes. Nicht so wie jemand in einer Röhrenjeans, Ballerinas und einem schicken Top, mehr jemand in Jogginghose, Chucks und Sweatshirt. Und vor allem mit offenen Haaren. Langsam werden diese Hochsteckfrisuren echt unbequem“, meinte Mara. Sie öffnete ihren Dutt und eine Lockenpracht zeigte sich. „Also umziehen kannst du dich jetzt zwar nicht, aber morgen. Und was man auch noch sagen sollte, wir kennen dich zwar noch nicht so lange, also so, und ich glaube, dass wir einen Neustart machen können“, meinte Julia. Zusammen gingen sie ins Klassenzimmer und hatten noch viel Spaß an diesem Tag.

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