Die Vorstellung davon, es gebe andere Welten, ist so neu nicht. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", verkündet Jesus nach dem Johannes-Evangelium. Jeder, der gerne Erzählungen liest, möchte wohl auch fremde Welten entdecken, in denen das Leben nichts mit dem tristen Alltag gemein hat. Henrike Baar (aus der 6d) entführt euch in die Welt von Anuschka, wo ein böser Graf den magischen Wesen dort lebensnotwendiges Blut nimmt. In der Geschichte von Barbara Englert (6d) soll in der Welt von Furneisa das ewige Feuer ausgelöscht werden. Ob das Böse am Ende der Geschichten siegt? Wir wünschen Euch eine spannende Lektüre. Klickt Euch rein!

Hast Du Lust, an der nächsten Ausgabe mitzuarbeiten, die vor den Weihnachtsferien erscheinen soll? Dann spreche uns an: Entweder die betreuenden Lehrer Getrud Prochazka und Daniel Kurfiss oder die Autorinnen der jetzigen Ausgabe: Barbara und Henrike.

  • Der blutige Mond von Henrike Baar, 6d
    "Denn Freundschaft ist das Wichtigste, was es auf der Welt gibt. Nicht irgendetwas anderes wie Macht oder Geld!", sagt Miranda, als der böse, blutdürstige Graf Raptor ihr ewiges Leben verspricht. Das Mädchen soll ihm die Macht zurückgeben, über Leben und Tod der Bewohner von Anuschka bestimmen zu dürfen. Kehren Miranda und ihre Freundin tatsächlich als Heldinnen zurück zur Erde, nachdem sie in der fremden Welt Anuschka den Kampf mit dem Grafen Raptor aufgenommen haben?
  • Das ewige Feuer von Barbara Englert 6d
    Der Herr des Winters und der Kälte, genannt Hiver, will das lebensnotwendige ewige Feuer der Menschen in Furneisa auslöschen. Nur Frieda, die diese Welt zufällig betritt, kann die Bewohner noch retten.

Der blutige Mond

von Henrike Baar, 6d

Das weiche Fell von Maharacha schmeichelte der Hand seiner Besitzerin Nicol Helver, während ihre Freundin Miranda Weimer müde an ihr Pferd Casino gelehnt war. Die zwei besten Freundinnen kamen täglich zu ihren Pferden, putzten diese, ritten auf ihnen und verbrachten viel Zeit mit ihnen. Sie liebten Casino und Maharacha einfach über alles. Als die beiden an einem schönen Samstagmorgen von ihrem üblichen Ausritt zurückkamen, beschlossen sie noch etwas zu spielen. Sie einigten sich auf 'Verstecken'. Nicol zählte, während Miranda sich bedächtig nach einem Versteck umsah. "27, 28, 29, 30...Ich komme!", rief Nicol und nahm schnell ihre Hände vom Gesicht, sie sah sich um, doch konnte auf den ersten Blick nichts weiter als die zwei grasenden Pferde sehen. Miranda konnte sich nämlich gerade noch so in einem hohlen Baumstumpf verstecken, bevor Nicol die Augen geöffnet hatte. Da Miranda aber etwas zu groß war, um sich ganz im Baumstumpf zu verstecken, konnte ihre Freundin sie auf den zweiten Blick entdecken. Sie wollte gerade Miranda von ihrem Standpunkt aus zurufen, sie habe sie gefunden, als sich plötzlich der Boden des Baumstumpfs öffnete. Miranda konnte sich gerade noch so am Rand des Baumstumpfs festhalten. "Aaaaaah! Nicol, hilf mir! Hilfe!", schrie sie mit großer Verzweiflung in der Stimme. "Ich komme schon", rief Nicol, während sie zum Baumstumpf sprintete. Sie konnte Miranda gerade noch an den Händen halten und hatte sie schon fast hoch gezogen, als ihr plötzlich die Kraft ausging und sie beide sehr tief fielen. Sie prallten auf einem harten Untergrund auf und fielen in Ohnmacht

*****

Miranda wachte zuerst auf, doch der Untergrund war nicht mehr hart, im Gegenteil: Sie lag auf einem weichen Schaffell und einem dicken Kissen. Sie döste noch vor sich hin und wartete darauf, dass Nicol endlich aufwacht. Doch plötzlich hörte sie eine Tür knarzen und schaute sich nun genau im Raum um. An den Wänden hingen Bilder von Menschen, Tieren und Wäldern. Ihre Gedanken wurden rasch durch einen kleinen Aufschrei unterbrochen, der auch Nicol aus dem Schlaf riss. "Sie sind wach! Mama, sie sind wach!", rief die fremde Person, welcher auch der Schrei gehört hatte. Kurz darauf stand eine kleine Frau in dem Zimmer. "Ach du meine Güte, du hast Recht! Hallo, mein Name ist Linette, und das ist meine Tochter Runa. Wie geht es euch? Jörna, komm schnell her... und bring ein feuchtes Tuch mit... zwei!", rief sie hektisch aus der Tür hinaus. Nur ein paar Sekunden später wirbelte noch eine Person ins Zimmer. "Hallo... ähm... ich bin Jörna. Braucht ihr...feuchte Tücher?", fragte das kleine, zierliche Zwergenmädchen, das jetzt ebenfalls im Raum stand. "Hi...Linette, Runa und...Jörna? Also unsere Namen sind Nicol..."- Nicol zeigte auf sich - "...und Miranda", vollendete Miranda den Satz. "Wo sind wir eigentlich? Und was seid ihr...also ich meine Menschen seid ihr wohl nicht, oder? Ihr seid viel kleiner als Menschen", stellte Miranda fest. "Also wir sind Zwerge. So wie in diesem Märchen mit einer Prinzessin und 'nem Apfel, das euch Menschen so bekannt ist", erklärte Runa den beiden, "und ihr befindet euch in Anuschka, einer kleinen Welt jenseits der Erde." Miranda und Nicol waren nun etwas schlauer. Runa und Jörna plauderten noch ein wenig mit den zwei Neuankömmlingen, während Linette schon das Mittagessen vorbereitete. "Ja, jetzt erzählt doch mal, wie sieht es auf der Erde aus? Wir sind ja erst 13. Bei uns darf man erst mit 18 Jahren andere Welten und heimlich das Leben von Menschen erkunden", plapperte Jörna vor sich hin. Miranda und Nico sahen sich erstaunt an. "Also bei uns auf der Erde darf man eigentlich gar nicht in andere Welten reisen...wir sind hier nur aus Versehen gelandet. Wir wissen auch gar nichts von anderen Welten. Dass wir bei euch gelandet sind, hat uns selbst verwundert", erklärte Nico den zwei Zwerginnen, die ungläubig dasaßen. "Wow, ich hätte echt nicht gedacht, dass ihr nicht mal davon wisst, dass es unsere Welt gibt. Wir würden euch gerne unsere Welt vorstellen. Ich weiß jetzt nicht...wisst ihr was ein Einhorn ist?", fragte Runa mit einem Lächeln auf dem Gesicht. "Wir werden auf den Einhörner durch Anuschka reiten und euch wichtige Plätze, Traditionen und Personen zeigen und vorstellen", erklärte Jörna den beiden. Nur kurze Zeit später - nach dem Mittagessen, bei dem Nico und Miranda auch den Vater, Jacko, kennengelernt hatten - saßen die Mädchen auf rosanen, goldenen, silbernen und grünen Einhörnern. Runa und Jörna zeigten den beiden anderen den Marktplatz, die Schule und das Rathaus, wobei alles Fachwerkhäuser waren und diese gut zu dem Wald passten. Sie lernten die Freunde von Runa und Jörna kennen und trafen ein paar junge Hexen, wie sie gerade das Fliegen übten. Die zwei Zwergenmädchen erzählten Miranda und Nicol auch die Geschichte vom "Blutenden Mond über Anuschka". "An jedem 3. Vollmond wird der Himmel blutrot und die Bewohner von Anuschka bekommen von dem tropfenden Blut ihre Kraft. Ohne diese Blutauffrischung kann keiner von uns auf Anuschka überleben. Man braucht nicht viel und es würde immer für alle Bürger ausreichen...wäre da nicht dieser dunkle Magier, Graf Raptor. Er nimmt viel zu viel Blut für sich allein. Deshalb sterben bei uns sehr oft magische Wesen. Er ist sehr böse", gestand Jörna bedrückt. Runa versuchte sie mit freundlichen Worten wieder aufzumuntern, doch für Miranda und Nicol war die Sache noch nicht beendet. "Macht da etwa niemand etwas dagegen?! Ich meine, dem muss doch jemand ein Ende bereiten! Am Ende stirbt ganz Anuschka aus!", schrie Miranda verzweifelt. Alle Wesen auf dem Marktplatz starrten sie schon an. "Miranda, jetzt beruhige dich doch erst mal. Man könnte natürlich etwas unternehmen, aber glaubst du, das traut sich jemand? Der würde doch 'ne Hackpastete aus uns Zwergen machen...und von den Einhörnern ganz zu schweigen", behauptete Runa. "Naja, du hast ja Recht...aber hat er auch Erfahrung mit Menschen?", fragte Nicol schmunzelnd. Miranda kannte diesen selbstbewussten Ausdruck ihrer Freundin. Nicol würde alles tun, um diesen Grafen aufzuhalten. Das ahnte und befürchtete Miranda schon. "Nicki, ich will zwar auch, dass er damit aufhört, aber wir sollten uns da nicht in Gefahr begeben", sprach sie behutsam. "Du kannst ja hier bleiben. Aber ich helfe ihnen. Lieber sterben doch wir, oder? Ich meine, Menschen gibt es genug, aber Zwerge?", sie sagte es wohlüberlegt, sodass Miranda glaubte, keine andere Wahl zu haben, als mitzugehen. Und tatsächlich, sie gab sich geschlagen. Die Zwerginnen erklärten den beiden Mädchen, was sie tun mussten, um Anuschka zu retten.

Als sie am Abend losziehen wollten, bestanden die Zwergenmädchen darauf, mitzukommen. Eigentlich war das nicht geplant, aber sie durften mitgehen. Sie machten sich auf den Weg zu einer dunklen Burg, welche auf einem hohen Hügel emporragte. "Oh Gott!, langsam bekomme ich Angst...vielleicht war es doch keine so gute Idee...", stotterte Nicol leise. "Ach Quatsch! Du wolltest ihnen helfen, Großmaul. Komm schon. Wir retten jetzt Anuschka!", ermutigte Miranda ihre Freundin, als sie sich schwach fühlte, nachdem diese sich wenige Stunden zuvor noch so selbstbewusst und heroisch geäußert hatte. Sie hatten die Burg nun endlich erreicht, doch das Tor war geschlossen. "Oh je, wie schade", sagte Nicol mit künstlich klingender Betonung, "wir müssen wohl umdrehen...", und machte sich schon auf den Weg zurück. Doch Miranda hielt sie am Ärmel fest und schaute sie ernst an. Während die beiden sich stritten, hatten die Zwergenschwestern das Tor bereits geöffnet. "Wie habt ihr denn das geschafft?", fragte Miranda ungläubig. "Naja, wir haben meine Haarklammer benutzt", erklärte Runa. Alle vier schlichen leise in das alte Gemäuer. Nicol blieb nichts anderes übrig, als mit ihnen hinein zu gehen. Auf dem Weg ins Schlafzimmer des Grafen gingen die Mädchen nochmal ihren Plan durch, um nicht erwischt zu werden. Sie mussten an das Bett des Grafen treten und sein Amulett mit dem roten Rubin stehlen und zerstören. Dann sollte der Graf sofort zu Staub werden. Also schlichen sie weiter und öffneten die Türe zum Schlafzimmer. Alle Möbel waren aus dunklem Ebenholz und die Wände waren dunkelrot. Und in der Mitte des Zimmers stand ein großes Bett, auf dem der Graf leise schnarchte. Miranda und Jörna hielten an der Türe Wache, während die anderen sich langsam dem Bett des Grafen näherten. Nicol beugte sich über den Grafen, welcher sie mit offenen Augen ansah. Sie hätte einen Schrei losgelassen, wenn Runa ihr nicht die Hand vor den Mund gehalten hätte. "Er schläft mit offenen Augen", flüsterte sie Nicol zu. Nicol versuchte ihre Angst zu überwinden, doch sie war zu groß. Miranda trat ans Bett "Angsthasen. Wir machen das jetzt so: Ich zähle auf drei und dann sprintet ihr aus dieser Burg, okay?", hauchte sie den drei anderen zu. "Eins, zwei, DREI! Laaaaauuuuuft!", schrie sie, während sie das Amulett des Grafen von seinem Hals riss. Die Mädchen rannten aus der Burg, so schnell sie konnten. Als sie vor dem Tor standen, wollte Miranda das Amulett auf den Boden werfen und zertreten. Doch in diesem Moment erschien der Graf vor den Mädchen.

"Gib mir das Amulett, Kleines. Gib es mir", sprach der Graf zu Miranda. "Niemals!", antwortete diese. "Also gut. Wenn du mir das Amulett gibst, werde ich dir eine große Macht verleihen. Du wirst unsterblich sein. Und deine Freundinnen natürlich auch!" Er versuchte Miranda zu überreden, doch diese war nicht dumm. Sie hatte schon verstanden: "Ich weiß, was hier läuft, Raptor. Du weißt genau, dass ich ein ganz normaler Mensch bin. Du kannst mich nicht verzaubern. Und selbst wenn, das würde mich nicht davon abhalten, meinen Freundinnen zu helfen. Denn Freundschaft ist das Wichtigste, was es auf der Welt gibt. Nicht irgendetwas anderes wie Macht oder Geld. Und deshalb bleibt mir nichts andres übrig...", sagte sie. Sie warf das Amulett auf den Boden und zerstückelt es mit ihren Tritten. Kurz darauf war der Graf nicht mehr da. Er hatte sich in Luft aufgelöst. Es lag nur noch ein kleines Staubhäufchen an der Stelle, wo er kurz zuvor noch gestanden hatte.

*****

Als die Mädchen wieder bei Jörna und Runa zu Hause angekommen waren, ging gerade die Sonne auf und die Vögel begannen ihre melodischen Liedchen zu trällern. Linette war bereits wach und machte sich große Sorgen. Sie saß mit Tränen in den Augen am Küchentisch, als die vier Freundinnen lachend ins Haus stolperten. "Mama, was ist denn los?", fragte Jörna besorgt und lief schnell zu ihrer besorgten Mutter. "Jörna, wo wart ihr denn? Ich habe mir so große Sorgen gemacht. Was habt ihr denn die ganze Nacht getrieben? Ich wollte mir nachts ein Glas Wasser holen und dann lagt ihr nicht in euren Betten", Linette war schon wieder in Tränen ausgebrochen. Die restlichen Mädchen setzten sich auch an den Küchentisch. Runa grinste übers ganze Gesicht, weil sie wusste, dass das, was sie ihrer Mutter berichten würden, sie mächtig stolz machen würde. "Du wirst es nicht glauben: Wir waren auf Burg Dunkelstein, du weißt schon, bei Graf Raptor", sie strahlte förmlich. "WAS????!!!! Hat er euch etwas getan? Geht es euch gut?" Linette klang wirklich sehr besorgt. "Keine Sorge, Mama. Jetzt kommt das Beste: Wir haben ihn ausgeschaltet. Zu Staub verwandelt. Das Amulett existiert genauso wenig wie Raptor!", grinste Jörna. Nun verstand auch Linette. Sie rief gleich ihren Ehemann zu sich und die Mädchen erzählten ihm die Geschichte. Jacko lief gleich los und lud Freunde und Verwandte zum Feiern ein.

Die Fabelwesen ließen es sich an diesem Tag noch ordentlich gut gehen. Die vier Mädchen saßen an einem Tisch und redeten über dies und das. Als Jörna jedoch sagte: "Wow, ich hätte echt nicht gedacht dass unsere Mutter sich solche Sorgen gemacht hat", fiel Nico schlagartig etwas ein: Ihre Mütter! Die werden sich doch auch große Sorgen machen. "Miri! Wir haben etwas vergessen. Unsere Eltern machen sich doch sicherlich auch Sorgen", Miranda schlug sich ihre Hand vor den Mund. Sie schaute Nicole an. "Nicki, wir müssen sofort weg hier!", sagte sie fest entschlossen. "Ähm, Jörna, Runa, weiß einer von euch zufällig, wie wir zurückkommen?", fragte Nico. "Ja klar! Weiß doch jedes Kind. Ihr müsst in den Baumstamm auf dem Marktplatz steigen. Kommt, wir zeigen es euch", erklärte Runa. Kurze Zeit später standen die vier Freundinnen vor einem großen hohlen Baum, der, obwohl er hohl war, blühte. "Also, tschüss dann, Mädels. Auf Wiedersehen", sagte Runa zu den Menschenmädchen. Die vier umarmten sich noch einmal, dann stiegen Nico und Miranda vorsichtig in den Baum. Der Boden des hohlen Baumes öffnete sich blitzartig, doch das kannten sie ja schon. Ein paar Sekunden später standen die zwei auf dem Boden vor dem Baumstumpf, durch den sie nach Anuschka gekommen waren. Sie beeilten sich nach Hause zu kommen, doch als sie wieder im Dorf waren, fiel ihnen auf, dass die Bewohner genau dasselbe taten wie bei ihrer Abreise, sie trugen dasselbe und standen am genau gleichen Platz. Als Nicol auf ihre Armbanduhr schaute, bekam sie einen Schock. Die Zeit auf der Erde war nicht vergangen, nachdem die durch den offenen Boden des Baumstumpfes die Erde verlassen und Anuschka vom dem böse Grafen Raptor befreit hatten.

Mit der Gewissheit, in einer anderen Welt eine Heldentat vollbracht zu haben, gingen sie zufrieden nach Hause.

Das ewige Feuer

Barbara Englert 6d

"Frieda! Würdest du mal kurz bitte kommen!", rief Mutter aus der Küche. "Na klar, Mama!", rief ich zurück. Es waren gerade Ferien und darum mussten mein Bruder Johannes und ich immer irgendetwas erledigen, wie Milch kaufen gehen oder den Rasen mähen. "Könntest du was für Papas Geburtstagsfeier morgen bei Aloysia einkaufen?", fragte Mama und steckte mir einen Zettel in die Hand. "Du kannst mit dem Fahrrad fahren", sagte Mama. "Ok", antwortete ich. Zu Papas Geburtstag im Sommer schmeißen wir immer ein großes Fest. "Tschüss, Schatz!", rief Mama noch, bevor ich in die Garage zu meinem Fahrrad verschwand.

Es war ein schöner, sonniger Morgen, als ich zu Aloysia losfuhr. Aloysia führte in unserem Dorf den Tante-Emma-Laden. Sie ist eine nette Frau, bei der man nicht einkaufen kann, ohne dass sie einem ein Bonbon gibt. Als ich durch die Tür ging, fand ich den Ladenraum leer auf. Manchmal, wenn niemand da ist, geht Aloysia immer in einen Nebenraum. Meistens kommt sie dann, wenn sie die Tür aufgehen hört. Doch dieses Mal war das nicht der Fall: Niemand kam. Also wartete ich und schaute mir die verschiedenen Produkte an. Ich brauchte noch ein Geburtstagsgeschenk für Papa und so kam mir die Wartezeit gerade recht. Ich schaute mir alles genau an, aber nichts kam mir passend vor. Auf einmal erblicke ich ein seltsames, altes Buch mit Ledereinband. Ich nahm es aus dem Regal und betrachtete es. Es hatte einen schönen braunen Ledereinbund und in schöner, verschnökelter Schrift stand darauf "Das ewige Feuer". Darunter war das Abbild eines majestätischen Vogels mit großen blauen Flügeln. Neugierig schlug ich das alte, geheimnisvolle Buch auf. Plötzlich fing es an sehr hell zu leuchten. Kurz darauf war ich umgeben von Licht, doch dann wurde alles schwarz.

Als ich meine Augen wieder öffnete, fand ich mich in einem Wald wieder. Mein Kopf schmerzte und mir war leicht schlecht. Langsam stand ich auf und schaute mich um. Der Wald war dunkel und es roch nach Erde. Auf einmal hörte ich es rascheln im Gebüsch. Ich drehte mich blitzartig um, doch da war nichts. Als ich mich wieder zurückdrehte, sprangen aus dem Gebüsch zwei Gestalten. Die eine zog mir meine Füße weg, sodass ich auf dem Laub des Waldbodens landete, und die andere fesselte mich mit einem Seil. Beim zweiten Hinschauen entdeckte ich, dass es sich um einen Jungen und um ein Mädchen handelte. Beide hatten schwarzes Haar und trugen seltsame, braune Klamotten, die mich an einen Eskimo erinnerten. "Wer bist du und was willst du hier?", fragte mich das Mädchen und sah mich feindselig an. "Und wo kommst du her?", fügte der Junge hinzu, der mich genauso böse anstarrte wie seine Gefährtin. "Ich, ich heiße Frieda und ich komme aus Glöningen", stotterte ich. "Und ich will nur wieder nach Hause." "Soso", antwortete der Junge. "Also WIR kennen kein Glöningen, das gibt es in ganz Furneisa nicht!" "In ganz was?", fragte ich. "In Furneisa. Stell dich nicht so dumm, du Göre", sagte das Mädchen. "Hey, ich kenn kein Furneisa, ich komm aus Deutschland. Und du nennst mich nicht noch einmal Göre, dass das klar ist!", fuhr ich sie an. Das Mädchen wollte schon wieder was entgegnen, doch der Junge hielt sie auf. "Lass mal. Vielleicht stimmt das sogar! Eurostico hat mir schon mal etwas von Deutschland erzählt. Das Land befindet sich auf der Erde, in einer anderen Welt. Diese Welt ist ganz, ganz weit weg von unserer und es gibt nur wenige Möglichkeiten, von Furneisa zur Erde zu gelangen. Nur wenig kennen diese." "Also glauben wir ihr?", fragte das Mädchen leicht entsetzt. Als ihr Gefährte ihr zunickte, begann sie mit einem lauten Seufzer zu reden: "Also, Frieda, wir glauben dir. Ach ja, ich heiße Aurora und das ist mein ein Jahr älterer Bruder Kairon. Wir beide wohnen in Ambretis, einem Dorf in Furneisa. So, und jetzt zu dir, wie bist du hergekommen?" Ich erzählte ihnen von dem Laden, dem Buch und wie ich hier schließlich gelandet bin. Dann fragte ich sie, wie ich wieder nach Hause komme. "Das wissen wir nicht. Da müssen wir erst mal unseren Magier Eurostico fragen." Die beiden bemerkten mein verwundertes Gesicht bei dem Wort Magier. Sie lachten und sagten, dass Magie bei ihnen ganz normal sei, und auf einmal tanzte auf der Hand von Aurora eine kleine rote Wärmekugel und auf Kairons eine kleine weiße Blume. "Wow!", sagte ich atemlos. "Nun ja, dazu kommen wir später, wir haben Mama gesagt, dass wir nicht so lange fort bleiben!", sagte Aurora und dann machten wir uns auf den Weg.

Als wir in Ambretis ankamen, stand die Sonne hoch über dem Dorf, doch es war nicht heiß. Außerdem erkannte ich, da jetzt keine Äste mehr den Himmel verdeckten, dass dieser nicht so blau war wie bei uns, sondern viel mehr lila-blau. Die Häuser waren oft aus Fachwerk gebaut und besaßen altmodische Klapprollläden. Das Haus der Geschwister sah genauso aus. "Eintreten", sagte Kairon und hielt mir und Aurora die Tür auf. Wir liefen durch einen kleinen Gang in eine Küche, wo eine Frau mit blondem Haar arbeitete. "Hallo, Mama! Das ist Frieda. Sie ist ein Mensch aus einer anderen Welt, von der Erde", erklärte Aurora ihrer Mutter. Diese war verblüfft, als sie uns sah und musste sich erst einmal setzen und sagte nach einiger Zeit: "Nun ja. Also,... willkommen Frieda. Ich heiße Selene. So, und jetzt erzählt einmal, wie bist du hier hergekommen und wie willst Du wieder zur Erde zurückkehren?" Nachdem wir ihr alles erzählt hatten, stimmte sie unserer Idee zu, Eurostico aufzusuchen.

"Aber ich glaube, ihr solltet das erst morgen machen, Eurostico ist alt und - ", weiter kam sie nicht. Ein großer Mann mit einem traurigen Gesicht kam durch die Küchentür herein. "Schatz, was ist los?", Selene eilte sofort zu ihm hin. "Schlechte Neuigkeiten", sagte er. Er machte den Mund auf, als wollte er etwas sagen, schloss ihn dann aber wieder und sah mich verwirrt an. "Ach so, ja", murmelte Selene. Sie stellte mich ihrem Mann Jörd kurz vor und berichtete, was ihre Kinder erlebt hatten. Der Vater der Geschwister stellte sich dann mir vor. "Jetzt aber! Was ist denn los?", fragte Selene besorgt. "Sehr viel ist los", antwortete Jörd. "Die Arderen haben erzählt, sie seien überfallen worden. Außerdem lag ein Drohbrief vor dem Haus des Feuers. Und - ", er hielt inne, als er mein irritiertes Gesicht sah. "Oh! Entschuldige, Frieda! Wir haben dich gerade total vergessen. Wir sollten Dir erst erklären, wie wir in Furneisa überhaupt angesichts der Kälte hier am Leben bleiben", meinte Jörd. Ich nickte und er begann zu erzählen: "Hier in Furneisa gibt es ein Feuer, das große Feuer. Wenn es erlischt, wird es ewiger Winter werden. Wir würden alle sterben vor Kälte. Damit dies eben nicht geschieht, gibt es die Arderen, die Hüterinnen des Feuers. Doch nun wurden sie überfallen. Und vor dem Haus, in dem das Feuer ist, liegt ein Brief." "Ja, und auf diesem Brief steht: Der eiskalte und ewige Winter wird bald über das Land kommen und ihr könnt nichts dagegen tun. Morgen Abend wird der mörderische Wintersturm losbrechen! Nur ich werde überleben. Außer ihr gebt mir die Macht über Furneisa. Mit böser Vorfreude Hiver, der Herr des Winters und der Kälte." "Das ist ja furchtbar!", sagte ich. Die anderen gaben mir Recht. "Wir können Hiver auf keinen Fall unser schönes Land überlassen! Aber wir haben keine andere Wahl", erschüttert ging Jörd aus dem Raum und murmelte etwas davon, er würde zu Bürgermeister Hörik gehen. Der Rest der Familie war ebenfalls sehr betroffen von der Nachricht. Doch dann befahl uns Selene, einige Vorbereitungen zu treffen, damit wir nicht erfrieren, und wir gehorchten sofort.

Nachdem alles erledigt war, saßen wir Kinder draußen und unter einem großen Baum mit roten Blättern genossen wir die wohl letzten Sonnenstrahlen Furneisas. "Wir können das doch nicht zulassen!", klagte ich schließlich. "Aber was willst du denn dagegen unternehmen?", fragte mich Aurora trübselig. "Genau! Was hast du vor?", stimmte ihr Bruder ihr zu, während er sich eine pinke Frucht vom Baum pflückte. "Hiver austricksen, aufhalten und besiegen!", schlug ich mit heldenhafter Stimme vor. Aurora zog eine Augenbraue hoch. "Und wie willst du das anstellen, bitteschön?" "Hiver ist doch der Herr der Kälte, nicht?", ich blickte Aurora vielversprechend an. Sie verstand sofort und grinste mir zu. "Na dann, lasst uns einen Plan anfertigen", rief Kairon.

Am nächsten Tag warteten wir drei ungeduldig, bis es endlich Zeit war, aufzubrechen. Als es endlich später Nachmittag erreicht war, packten wir schnell unsere sieben Sachen zusammen. Dann schlichen wir uns raus und legten uns in ein paar Büschen vor dem Haus des Feuers auf die Lauer. Auf einmal spürten wir alle eine frische Brise und ein lauter Knall durchzog die Stille. Ein Mann mit langem blonden Haar und einem eisblauen Gewand trat in das Haus des Feuers. Wir hörten einen weiteren Knall und Schreie: Er hatte die Arderen lahm gelegt. Einige Wachmänner rannten herbei, doch auch sie bekamen einen Eisstrahl ab und erstarrten. Aurora wollte aufstehen, doch Kairon hielt sie fest. "Psst! Was machst du denn da? Du bist unsere einzige Hoffnung mit deiner Wärme!" "Aber wir müssen etwas tun!", entgegnete sie. "Hey, ihr beiden!", sagte ich. "Lasst das! Sonst entdeckt er uns noch!" Doch es war zu spät. Wir hörten nur noch die ungewöhnliche Stille und dann einige Schritte, dann stand er vor unserem Busch. Er hatte einen so durchdringenden Blick, dass es schien, er könnte durch die Büsche starren. Wir dachten schon, er suche woanders weiter, doch dann griff er in den Busch und packte Aurora. Sie schrie wie verrückt und Kairon stand auf und sprang sofort aus dem Busch. Hiver musterte sie mit seinen kalten, blauen Augen: "Wen haben wir denn da? Eine kleine Rebellin?" "Lass sie los!", rief Kairon. "Und warum, wenn ich fragen darf?" "Darum!", schrie er und auf einmal wuchs ein Ast des Busches so stark, dass der Hiver umklammerte. Dieser verlor das Gleichgewicht und fiel um. Aurora nutze die Gelegenheit, befreite sich und schleuderte kleine Wärmekugeln auf den Herrn der Kälte. "Denkt ihr etwa, ihr könnt mich aufhalten?", fragte Hiver voller Spott und schleuderte zwei Eisstrahlen zu Kairon und Aurora, die beide sofort erstarrten. Hiver lachte hämisch und ich bekam es mit der Angst zu tun. "Was soll ich nur tun?", dachte ich. Auf einmal hörte ich ein Kreischen und ein großer blauer Vogel flog über meinen Kopf hinweg. Es war der blaue Vogel vom Einband des Buches! Hiver, der beschäftigt war, bemerkte ihn nicht. Er warf einen kleinen, braunen Gegenstand neben mir ab und landete auf dem Dach eines nahen Hauses. Ich hob den Gegenstand auf und bemerkte, dass es eine Fackel war. Ich fragte mich, was das soll, bis ich etwas Kleines in meiner Hosentasche spürte. Ich kramte es heraus und konnte mein Glück nicht fassen: Es war ein Feuerzeug für alle Notfälle! Und da dies einer war, zögerte ich nicht lange und zündete die Fackel an. Langsam schlich ich mich zu Hiver, der gerade in das Haus des Feuers ging. Plötzlich drehte er sich um und entdeckte mich. Ich aber nahm die Fackel in die Hand und warf sie auf ihn. Ehe er etwas tun konnte, fing er an zu brennen und schrie. Es dampfte und es wurde abwechselnd warm und kalt. Ich verdeckte mein Gesicht mit meinen Händen, bis der Temperaturunterschied nicht mehr so extrem war. Ich erschrak heftig, als ich sah, wie blauer Dampf durch ein Fenster verschwand. Ein blauer Kristall lag dort, wo einst Hiver gestanden war. Ich starrte zu dem Feuerplatz in der Mitte. Das Feuer war sehr klein und kurz davor zu erlöschen. Im selben Moment erwachten die Arderen aus ihrer Eisstarre und rannten zum Feuer und schürten es mit einer roten Kraft wieder gemeinsam an. Ich nahm den Kristall und verließ das Gebäude. Dort sah ich die Geschwister erschöpft nebeneinander am Boden liegen. Doch als sie mich erblickten, sprangen sie auf und umarmten mich. "Du lebst!", schrie Aurora. "Was ist mit Hiver?", fragten beiden gleichzeitig. Ich zeigte ihnen den Kristall und erzählte ihnen alles, auch vom blauen Vogel. Kairon erklärte mir: "Ein Uxilienvogel! Er hilft denen, die reinen Herzens und in Not sind! Wow!" "Wisst ihr", sagte ich, "langsam möchte ich wieder nach Hause. Ich vermisse meine Familie." "Ach so, ja klar. Komm mit", sagte Kairon und wir gingen zu Eurosticos.

"Soso", sagte Eurosticos, ein alter Mann mit grauem Haar, als wir ihm unsere Geschichte erzählten. "Momentchen", sagte er, während er gebückt nach etwas suchte. Er kam mit einem kleinen blauen Fläschchen zurück und sagte, ich solle das austrinken. Traurig verabschiedete ich mich von Aurora und Kairon. Dann setze ich die Flasche an meinen Mund und trank einen bitteren Saft. "Bis bald!", hörte ich Aurora noch sagen, dann war alles schwarz.

Ich stand wieder bei Aloysia im Laden, als ich zurückkam. Das Buch war noch in meiner Hand und ich betrachtete noch ein letztes Mal den Einband mit dem blauen Vogel und stellte es wieder zurück. Jetzt war Aloysia im Ladenraum, als ein Mann einkaufte. "Wo kommst du denn her?", fragte sie mich erstaunt. "Ich stand hier schon die ganze Zeit", log ich. Dass ich in der Zwischenzeit den Bewohnern Furneisas das Leben gerettet hatte, hätte sich mir sicherlich zurecht nicht geglaubt. Nach dem Einkauf fuhr ich wieder nach Hause. Die warmen Sonnenstrahlen taten mir sehr gut und ich genoss sie. Ich war nun sehr zufrieden, denn ich hatte auch ein Geschenk für Papa besorgt: den kostbar blauen Kristall des Hivers.

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